nd-aktuell.de / 04.02.2016 / Gesund leben / Seite 10

Herzinfarkt führt im Osten häufiger zum Tod

Geringe Bildung und hohe Arbeitslosigkeit sind vor allem in Sachsen-Anhalt die Risiken für eine höhere Sterblichkeit bei Herzkrankheiten

Regine Förster
In Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Sachsen ist die Sterblichkeit nach einem Herzinfarkt seit Jahren höher als im Bundesdurchschnitt. Ebenso ist es bei der koronaren Herzkrankheit.

Die neuen Bundesländer sind immer wieder - oder immer noch - Spitzenreiter, wenn es um die Anzahl der Todesfälle nach einem Herzinfarkt geht. Besonders in Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Sachsen sind die Zahlen seit Jahren höher als im Bundesdurchschnitt. Gleiches gilt für das Leiden im Vorlauf, die koronare Herzkrankheit (KHK).

Im Detail: 2013 starben in Sachsen-Anhalt 389 Menschen von 100 000 an einer Herzkrankheit, in Berlin waren es nur 193. Ähnlich sieht es beim akuten Herzinfarkt aus: Sachsen-Anhalt kommt auf jährlich 99 Todesfälle je 100 000 Einwohner, Berlin auf 48 oder Schleswig-Holstein auf 43. Auch an der chronischen koronaren Herzkrankheit oder der Herzinsuffizienz sterben in Sachsen-Anhalt nahezu doppelt so viele Menschen als in anderen Bundesländern. In Sachsen-Anhalts Krankenhäusern wurden vor drei Jahren 2 552 Fälle von Herzerkrankungen pro 100 000 Einwohner behandelt, Herzrhythmusstörungen und Herzklappenkrankheiten inbegriffen. Der Bundesschnitt lag lediglich bei 1947.

Ob jemand an einem Herzinfarkt stirbt, hängt auch in Deutschland vom Wohnort ab: Die höchste Versorgungsdichte haben die Großstädte und Stadtstaaten, Hamburg an der Spitze. Auch in Berlin liegt die Sterblichkeit nach einem Herzinfarkt noch 20 Prozent unter dem bundesweiten Durchschnitt. Doch auch das erklärt noch nicht alles - denn offenbar kann Hamburg Teile von Schleswig-Holstein gut mitversorgen, für Berlin und Brandenburg trifft das in diesem Maße anscheinend nicht zu. Die regionalen Schwankungen haben ihre Ursache tatsächlich in hohen Sterblichkeits- und Erkrankungswerten, nicht etwa in statistischen Fehlern, den sogenannten methodischen Artefakten.

Andreas Stang, Leiter des Zentrums für Klinische Epidemiologie am Uniklinikum Essen, fordert dazu auf, gesellschaftliche Faktoren stärker zu berücksichtigen und sich nicht allein auf das kranke Individuum zu konzentrieren. Die soziale Lage mit Faktoren wie Bildung und Arbeit habe großen Einfluss auf die Gesundheit und den individuellen Lebensstil. Besonders deutlich werden diese Zusammenhänge in Sachsen-Anhalt. 11,2 Prozent der Schulabgänger blieben 2012 ohne Abschluss. Eine Fachhochschul- oder Hochschulreife konnten 2011 nur 19,2 Prozent der Einwohner nachweisen - der bundesweite Durchschnitt liegt bei 28 Prozent. Bei der Arbeitslosigkeit sieht es ähnlich trostlos aus: 2015 lag das Bundesland mit einer Quote von 10,2 Prozent auf dem viertletzten Platz.

Menschen ohne berufliche Perspektive pflegen häufiger einen ungesunden Lebensstil mit wenig Bewegung und falscher Ernährung. Daraus ergeben sich biomedizinische Risikofaktoren, die selbst altersbereinigt in Sachsen-Anhalt am häufigsten auftreten, gefolgt von den anderen Ostbundesländern: Übergewicht (Adipositas), das metabolische Syndrom (Fettleibigkeit, Bluthochdruck, veränderte Blutfettwerte und Insulinresistenz) sowie eine erhöhte Taillenweite. Bei der Diabeteshäufigkeit finden sie sich auf Platz zwei nach den Sachsen. Bei allen gesundheitlichen Parametern zeigt sich das Bundesland zwischen Magdeburg und Halle »am prekärsten«. Nach dem bisher bundesweit einzigen Herzinfarktregister in Augsburg gibt es seit zwei Jahren ein weiteres in Sachsen-Anhalt. Damit lässt sich auch die Versorgungslage besser abbilden - denn in einigen Statistiken blieben bisher etwa die auf dem Weg ins Krankenhaus oder zu Hause verstorbenen Infarktpatienten unberücksichtigt. Eine Studie soll jetzt klären, warum in Sachsen-Anhalt durchschnittlich über eine Stunde vergeht, bis bei einem Infarkt der Rettungsdienst alarmiert wird. Erste Ergebnisse weisen darauf hin, dass viele Menschen nicht ausreichend über die Symptomatik informiert sind und das Risiko falsch einschätzen.

Von der Landesärztekammer war Selbstkritik zu hören: Viele Hausärzte ließen aufgrund fehlender Fortbildungen das nötige Gespür für Herzerkrankungen vermissen. Nicht einmal 40 niedergelassene Kardiologen versorgten jeweils knapp 30 000 Einwohner - in dieser Versorgungsfrage liegt man immerhin noch vor drei anderen ostdeutschen Bundesländern. Abhilfe soll unter anderem das Mitteldeutsche Herzzentrum in Halle schaffen, das im April eröffnet wird.