Berlin. Spielen Verteilungspolitik und Klassenfragen bei jüngeren Linken keine Rolle mehr? Ja, sagt der Berliner Sozialforscher Wolfgang Merkel – und spricht vom »Bruch mit einer klassisch linken, sozialdemokratischen Tradition, in der Solidarität und Gemeinschaft etwas ganz Konkretes, Nachbarschaftliches war und Wirtschaftspolitik als Nationalökonomie verstanden wurde«. Stattdessen dominierten unter jüngeren Linken heute »kulturelle und identitätspolitische Themen, über die sich junges Linkssein« definiere, so Merkel gegenüber Zeit Online[1]. »Das zentrale progressive Anliegen ist mittlerweile die unbedingte Gleichstellung von Minderheiten.«
Für den Direktor am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, der auch einen Lehrstuhl an der Humboldt-Universität hat, »hat dies jedoch hochproblematische Konsequenzen« - etwa mit Blick auf »Zonen diskursiver Immunität« bei religionspolitischen Debatten. Entgegen der »aufklärerischen oder marxistischen Tradition der Religionskritik« würde etwa teils der Islam »unter Immunitätsschutz« gestellt und Kritik daran als rechts abgelehnt.
Vor allem aber sieht Merkel bei der jungen, intellektuellen Linken »den Bezug zu der Unterklasse im eigenen Land fast gänzlich verloren« gegangen. Es gebe einen »Verlust der Kommunikation zwischen den Klassen«, der laut dem Politikwissenschaftler »massiv und ein Problem für die soziale Gerechtigkeit« ist. Merkel spricht in dem Gespräch von fehlender Sensibilität und Aufmerksamkeit sowie von abgerissenen »Verbindungen« bei besser gebildeten Linken. Im Schatten der wachsenden kulturellen Sensibilität der Linken sei »eine neue Klassengesellschaft entstanden. Und diese Klassengesellschaft ist bislang zumindest nicht Thema des jungen intellektuellen Diskurses«, so Merkel.
Die These des Berliner Forschers lautet: »Die Globalisierung hat Gewinner und Verlierer geschaffen und die Linke in ganz Europa vermag es kaum mehr, die Globalisierungsverlierer an sich zu binden.« Die junge Linke sei »heute ganz eindeutig kosmopolitisch orientiert. Das heißt, Gerechtigkeitsfragen werden nicht mehr im nationalen Kontext, etwa anhand von sozial- oder lohnpolitischen Auseinandersetzungen, verhandelt. Stattdessen geht es um globale Zusammenhänge, der Nationalstaat wird dagegen als überholt und gestrig betrachtet.« nd