nd-aktuell.de / 28.10.2017 / Berlin / Seite 13

Die Lösung muss eine politische sein

Auch wenn hinter jeder Obdachlosigkeit ein individuelles Schicksal steht: Es ist ein strukturelles Problem.

Johanna Treblin

Seit 2011 ist der deutsche Arbeitsmarkt für acht ost- und mitteleuropäische Länder geöffnet. Das heißt, dass die Menschen aus diesen Ländern in Deutschland arbeiten dürfen, sich aber auch hier aufhalten können, um Arbeit zu suchen. Dass Menschen das tatsächlich tun, sollte nicht verwundern.

Verwundern sollte auch nicht, dass es für sie ohne Arbeit und teils auch, ohne die deutsche Sprache zu sprechen, schwierig ist, eine Wohnung zu finden.

4000 bis 6000 Menschen leben Schätzungen zufolge in Berlin auf der Straße[1]. Sich jetzt auf 60 angeblich aggressive Obdachlose zu fokussieren, die im Tiergarten ihr Zelt aufgeschlagen haben sollen, und die Räumung des Camps zu fordern, ist unseriös. Ein Gutes hat es aber trotzdem: Nämlich dass ein Problem, das seit Jahren wächst und seit Langem von Wohlfahrtsverbänden angeprangert wird, endlich als solches auch von der Politik anerkannt wird.

Auch wenn hinter jeder Obdachlosigkeit ein individuelles Schicksal steht: Es ist ein strukturelles Problem, wenn Menschen auf der Straße leben müssen, weil sie sich kein Obdach leisten können. Die Verantwortung dafür liegt nicht bei jedem Einzelnen. Die Lösung muss eine politische sein.

Links:

  1. https://www.nd-aktuell.de/artikel/1068389.raeumung-im-tiergarten-berlin-widerlichstes-politisches-theater.html