nd-aktuell.de / 14.07.2018 / Wissen / Seite 24

Mangel an Empirie

Bildungsrauschen

Was Hausaufgaben leisten sollen, wodurch sie sich zu anderen Lernformen abgrenzen, wie sie definiert werden, ist nicht eindeutig definiert. Letztlich sind die Meinungen dazu abhängig vom Menschenbild und pädagogischen Ansatz. Der Sozialpsychologe und Schulforscher Martin Wellenreuther versteht darunter Aufgaben, »die eine Lehrkraft im Unterricht stellt und die zu Hause durch den Schüler erledigt werden sollen«. Ob Art und Umfang der Aufgabenstellung theoretischen Konzepten folgen oder sich spontan aus der Unterrichtssituation ergeben, lässt er bewusst offen. In jedem Fall, so Wellenreuther, bergen Hausaufgaben die Möglichkeit einer Verlängerung der »aktiven Lernzeit des Schülers«. Faktoren, mittels derer die »Wirksamkeit« von Hausaufgaben bestimmt werden, liefere die Forschung jedoch noch kaum. Das bis in die 2000er Jahre bestimmende Forschungsdesign habe vor allem Klassen mit und ohne Aufgaben verglichen aber keine »echten Experimente« durchgeführt, wie sie für die Grundlagenforschung relevant wären. Diese brauche »starke Effekte«, die durch »gezielte Variation und Kombination« der zu untersuchenden Faktoren erreicht werden. Auch Stichproben-Studien, die über »komplexe Statistik« einen Schätzwert ermitteln, wie sich spontan vergebene Hausaufgaben auf die Motivation der Schüler auswirken, reichen nicht. Es fehlen Studien über die Wirkung von »geplanten und kontrollierten Hausaufgaben« (martin-wellenreuther.de).

Auch das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin ist angesichts des Mangels an empirischer Forschung »überrascht«, gewinnen Hausaufgaben doch an Bedeutung. Das Institut sieht Hausaufgaben als einen Komplex »vieler zusammenhängender Faktoren«, die selten systematisch erforscht würden. Die spärlichen Befunde seien bislang folglich »bruchstückhaft und widersprüchlich«, Empfehlungen für Lehrkräfte seien häufig »spekulativ«. Mit dem abgeschlossenen Projekt »Hausaufgaben als Lern-Opportunitäten (HALO)«, das auf Daten der PISA-Studien und der Studie der Pädagogischen Hochschule Freiburg (Schweiz) zu den Lernchancen durch Hausaufgabenvergabe und -erledigung zurückgreift, soll das Thema wissenschaftlich ergründet werden. Die Berliner Forscherinnen und Forscher untersuchen dabei das Verhältnis von Hausaufgabenvergabe und -erledigung zur Schülerleistung sowie die Faktoren, die Schüler ihre Aufgaben »wie gewünscht bearbeiten« lassen (mpib-berlin.mpg.de). Lena Tietgen