nd-aktuell.de / 15.09.2018 / Wissen / Seite 24

Bürgerliches Verantwortungsgefühl

Bildungsrauschen

»Das Verständnis für politische Sachverhalte fördern, demokratisches Bewusstsein festigen und Bereitschaft zur politischen Mitarbeit stärken.« So lautet der Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung. (bpb.de) Bei der Gründung 1952 wurde der Anspruch formuliert, mittels »zeitgemäßer politischer Bildung« Bürgern Funktionen und Spielregeln der parlamentarischen Demokratie und ihren Institutionen nahezubringen. Die Implementierung des »demokratischen Gedankens« wirke »totalitäre Bestrebungen« entgegen, so die damalige Vorstellung.

In der Folgezeit wurde die »nicht rechtsfähige Bundesanstalt im Geschäftsbereich des Bundesministeriums des Innern« zu einem der wesentlichen Pfeiler der reeducation in der alten Bundesrepublik. Dieses im Volksmund »Umerziehung« genannte Unterfangen hatte das Ziel, den Faschismus zu überwinden. Bereits 1947 wies der Alliierte Kontrollrat Schulen an, »die Entwicklung eines bürgerlichen Verantwortungsgefühls und Auffassung einer demokratischen Lebensweise« in ihren Bildungskanon aufzunehmen. Pläne zur Umsetzung oblagen in der Verantwortung der jeweiligen Sektoren, von denen die Franzosen und Briten weniger spezifisch in ihren Vorgaben waren als die US-Amerikaner. Die Sowjetunion verfolgte weniger eine antifaschistisch-demokratische Umgestaltung als eine durch Stalin geprägte sozialistische. Bis 1963 hieß die Bundeszentrale »Bundeszentrale für Heimatdienst«.

Im Zuge der Verschärfung des Kalten Kriegs nahm die Bundeszentrale auch den Kommunismus ins Visier; 1957 wurde das Ostkolleg gegründet. Es sollte »durch Studientagungen zur geistig-politischen Auseinandersetzung mit dem internationalen Kommunismus beitragen«. Zielgruppe waren zukünftige »Gesprächspartner für den Ostblock« und Multiplikatoren für Argumente »gegen den Kommunismus«. Auf diese Weise wurde die Vorstellung der reeducation der Blockkonfrontation des Kalten Kriegs geopfert.

Dennoch demokratisierte sich die Gesellschaft und mit ihr die Institutionen. Wenngleich die Bundeszentrale an Bedeutung nicht verloren hat, gibt es heute eine plurale Trägerstruktur außerschulischer politischer Jugend- und Erwachsenenbildung, auch non-formale politische Bildung genannt. Neben kirchlich-konfessionellen Trägern sind es vor allem die parteinahen Stiftungen, die zur Aufrechterhaltung des politischen Diskurses und Demokratisierung beitragen.

So beschäftigen sich die Rosa-Luxemburg-Stiftung (Linkspartei), die Heinrich-Böll-Stiftung (Grüne) und die Friedrich-Ebert-Stiftung (SPD) mit demokratischen, sozialen, ökologischen und auf Frieden orientierenden Themen und treiben so die Demokratisierung der Gesellschaft voran. Zu diesem Spektrum gehört auch die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung, die in ihrer Ausrichtung auf Werktätige wesentlich zum sozialen Zusammenhalt beiträgt, was zweifelsohne die Demokratie vor einer Engführung bewahrt und stärkt. (rosalux.de, boell.de, fes.de, boeckler.de) Lena Tietgen