Die gute Nachricht lautet, dass Übergewicht und Adipositas (die krankhafte Variante von Übergewicht) bei Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren nicht mehr angestiegen sind. Beides bleibt jedoch gleichbleibend hoch, das Niveau der Jahre 2003 bis 2006 wurde auch zwischen 2014 und 2017 wieder erreicht. Das heißt, dass im Durchschnitt 15 Prozent der Heranwachsenden zwischen drei und 17 Jahren übergewichtig sind, immer noch über fünf Prozent haben Adipositas und leiden wahrscheinlich auch unter der Fettleibigkeit.
Diese unbefriedigende Situation ist bei genauerer Betrachtung jedoch für einen Teil der Betroffenen besonders alarmierend: Die kindliche Adipositas tritt deutlich häufiger in Familien mit einem niedrigen sozioökonomischen Status auf, mittlerweile 4,3 mal so oft wie in den Familien ab Mittelschicht aufwärts. Die Ursachen dafür fasst Berthold Koletzko von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin so zusammen: »Die bisherigen, freiwilligen Strategien für eine gesunde Lebensweise und Ernährung erreichen vor allem Familien mit einem höheren Bildungsgrad.« Die anderen bleiben außen vor, wenn es darum geht, das Verhalten zu ändern. Thomas Fischbach als niedergelassener Arzt erlebt das in seiner Praxis in Solingen seit mehr als 20 Jahren: »Wir haben zunehmend Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Familien in Behandlung, aber nicht wegen ihres Übergewichts, sondern wegen der Begleitprobleme. Trotz längerer und mehrfacher Gespräche erreichen wir die Eltern nicht.« Häufig seien ebenso die Eltern übergewichtig, für die gesundheitliche Konsequenzen aus dem zu hohen Gewicht kein Argument für eine Verhaltensänderung seien. »Die Eltern reden sich das Problem auch klein«, meint der Kinderarzt. »Mit Schulungen erreichen wir vielleicht noch die Mittelschicht, aber auch allgemein gibt es eine hohe Aussteigerquote.«
Wenn die falsche, zu süße und kalorienreiche Ernährung aus der Kindheitsphase quasi mitgenommen wird in den nächsten Lebensabschnitt, wird der Preis mit verlorenen gesunden Lebensjahren bezahlt. Wenn Erwachsene zwischen 20 und 39 Jahren auch nur Übergewicht haben, also einen BMI zwischen 25 und 30, dann verlieren sie etwa sechs gesunde Lebensjahre. Liegt der BMI zwischen 30 und 35, verlieren Frauen schon fast zwölf gesunde Lebensjahre, Männer sogar fast 15. Daraus errechnen lassen sich medizinische Folgekosten sowie auch die Summen, die etwa für Krankheitstage und Frühberentung anfallen. Bezogen auf die heute in Deutschland übergewichtigen Kinder sind das schon 393 Milliarden Euro über deren Lebenszeit, einschließlich Verzinsung und Inflation. Es wird also schon nach heutigem Stand richtig teuer, wenn Präventionsmaßnahmen nicht deutlich besser gelingen. Nachdem das schon etliche Länder vorgemacht haben, weiß man, dass schwierige Verhaltensänderungen dann gelingen, wenn die äußeren Umstände günstig sind. Mit anderen Worten: Die gesündere Option muss die leichtere Wahl werden. Das heißt zum Beispiel wie in Belgien und Frankreich ein Verbot gezuckerter Getränke an Schulen oder eine Steuer auf gezuckerte Getränke wie in Großbritannien und Mexiko. Auch eine eindeutige Kennzeichnung von Lebensmitteln auf der Packungsvorderseite gehört dazu, wie sie Frankreich mit seinem Nutri-Score eingeführt hat.
In Deutschland lässt sich das alles nur sehr zäh an, erst bis zum Sommer 2019 soll zum Beispiel etwas an der Nährwertkennzeichnung von bestimmten Lebensmitteln verändert werden, »unter Berücksichtigung der besonderen Interessen der kleinen und mittleren Unternehmen«, wie es im Koalitionsvertrag dazu heißt. Industrieinteressen stehen auch bei etlichen der vorhandenen Initiativen und Projekte letztendlich im Vordergrund. Eines davon ist die 2004 gegründete Plattform Ernährung und Bewegung. Aus Sicht der Deutschen Adipositas-Gesellschaft und von zwei Verbänden der Kinder- und Jugendmedizin haben sich deren ursprüngliche Hoffnungen auf Veränderung auf diesem Wege nicht erfüllt. Nach der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen treten auch sie jetzt aus der Plattform aus. Kommentar Seite 4
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1100872.nichtstun-wird-teuer.html