nd-aktuell.de / 01.11.2019 / Berlin / Seite 12

3200 ohne Ausbildungsplatz

Trotz schlechter Bilanz des Azubi-Jahres zeigen sich Kammern optimistisch

Claudia Krieg

Die Zahlen sind dramatisch. Vor allem in Berlin sind viele junge Menschen ohne Ausbildungsplatz. Das gab die Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Arbeitsagentur am Mittwoch zur Ausbildungssituation bekannt. »Den großen Sprung hat es auch in diesem Jahr nicht gegeben«, kommentiert Christian Hoßbach, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), bei der gemeinsamen Pressekonferenz von Arbeitsagentur, Industrie- und Handelskammer (IHK), Handwerkskammer (HK) und Unternehmerverbänden.

Von Oktober 2018 bis Ende September 2019 meldeten sich in Berlin insgesamt 21 680 Jugendliche bei der Berufsberatung der Agenturen für Arbeit, um bei der Ausbildungsplatzsuche Unterstützung zu erhalten - 402 weniger als im letzten Jahr. Die Zahl der beim Arbeitgeberservice der Arbeitsagenturen gemeldeten betrieblichen Ausbildungsplätze stieg um 88 Stellen auf 15 917. Ende September waren 3222 Jugendliche unversorgt, 223 weniger als vor einem Jahr. 1302 betriebliche Ausbildungsstellen waren noch unbesetzt. Das waren 409 weniger als im September 2018. Die offensichtliche Lücke von 2541 Personen ergibt sich laut Bernd Becking, Regionalleiter der der Arbeitsagentur, dadurch, dass viele Bewerber*innen sich kurzfristig für eine von mehreren Ausbildungsoptionen entscheiden.

Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (LINKE) ist zwar überzeugt, dass »man die Probleme nicht vom Tisch wischen kann«. Man müsse aber auch zugeben, dass viele Azubis falsche Vorstellungen von der Ausbildung und dem Beruf hätten, in den sie eintreten. Noch immer fehle es an nötigem Wissen über die Berufsbilder. Hierzu gehörten auch ausreichend Praktikumsangebote. Auch das sogenannte Matching - nicht jeder Azubi »passt« in jeden Betrieb - sei ein wichtiger Faktor.

Viele, so Breitenbach, würden nicht direkt den Weg zur Ausbildung finden: »Sie machen nach der Schule ein Freiwilliges Soziales Jahr oder auch erst einmal gar nichts.« Auch glaubten viele noch immer, ein Studium sei attraktiver als eine Ausbildung und ignorierten das duale Studium. »Eine Ausbildung ist aber nichts für ›Loser‹, sondern eine Chance zu nachhaltiger Zufriedenheit und ausreichendem Verdienst«, meint Breitenbach.

Da junge Berliner*innen erst mit 21, 22 Jahren den Weg in die Ausbildung finden, seien sie unter Umständen bereits mit gestiegenen Ansprüchen eines Erwachsenenlebens konfrontiert, so Breitenbach weiter.

Aus diesen Gründen brauche es tarifliche Verbesserungen in der Ausbildungsvergütung, fordert der Gewerkschafter Christian Hoßbach. Die Mindestausbildungsvergütung von 515 Euro in der Metall- und Elektroindustrie sei hier bereits ein Fortschritt. Aber gerade beim Wohnen brauche es in Berlin mehr Unterstützung. Hoßbach wünscht sich Angebote eines »Azubi-Wohnens«. Dann müsse man auch nicht darauf hoffen, dass die Fachkräfte aus Brandenburg pendeln, wo es zudem ebenfalls ausreichend Ausbildungsangebote gebe.

Die Vertreter*innen der Kammern zeigten sich am Mittwoch dennoch optimistisch. Jörg Nolte von der IHK bezeichnete die Jugendberufsagenturen als »Erfolgsmodell«. Ulrich Wiegand von der Handwerkskammer sieht das Handwerk aktuell in Berlin als Gewinner im Ausbildungsbereich. »Das wäre ohne die Integration von Geflüchteten allerdings so nicht möglich gewesen«, betonte Wiegand.