Nach einem langen Arbeitstag kehren wir nach Hause zurück. Das ist gerade Qamischli, eine Stadt im allernördlichsten Syrien. Von hier kann man in die Türkei quasi rüber spucken, und die meisten Menschen in Qamischli würden das wohl auch gerne tun. Nachdem infolge der türkischen Invasion verkündet wurde, Assads Truppen werden nun in Rojava einrücken, ist Panik ausgebrochen: NGOs, Journalisten und Binnenflüchtlinge sind aus Angst vor dem Regime geflohen. Das ZDF hat vor kurzem in einer Reportage darüber berichtet, man müsse aus Sicherheitsgründen einen riesigen Bogen um die Stadt machen.
Die Einzigen, die davon nichts wissen wollen, sind die Menschen, die hier leben. Das heißt nicht, dass man sich in Qamischli wohl fühlen sollte. Als ich am Abend das Hotelzimmer aufschließe, fällt mir sofort die Plastiktüte auf dem Esstisch ins Auge: Drinnen liegen vier Schawarmas (arabischer Fleischwickel). Komisch. Ich durchsuche das Zimmer. Die Unordnung ist dieselbe, die ich heute morgen hinterlassen habe. Auch das versteckte Geld ist noch da.
Also ab zur Rezeption. Der Mann dort weiß von nichts. Wer ist in meinem Zimmer gewesen, frage ich. Er weiß es nicht. Warum sind es ausgerechnet vier Schawarmas? Er weiß es nicht. Ich weihe ihn ein: Zu unserem Rechercheteam gehören wirklich vier Leute, aber der Vierte im Bunde ist noch auf dem Weg und soll erst heute Abend ankommen. Es ist so, als würde uns jemand mit dem Essen willkommen heißen, aber nicht auf die gute Art, erkläre ich. Kritisch beäugt er mich und dann die Tüte, auf dem die Telefonnummer und der Name des Restaurants stehen. Schließlich erbarmt er sich meiner, ruft an und fragt, wer heute Mittag vier Fleischwickel in das Hotel liefern ließ. Die Antwort: Wir machen keine Schawarma ...
Die nd-Redakteure Philip Malzahn und Sebastian Bähr berichten aktuell aus Rojava. Lesen Sie ihr Tagebuch online unter: www.dasND.de/rojava[1]
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1129196.regen-ueber-rojava-schawarma-fuer-die-reisegruppe.html