nd-aktuell.de / 15.10.2020 / Kommentare / Seite 9

Stinkefinger für Maskenmuffel

Marie Frank über die Kampagne des Senats zur Einhaltung der Corona-Regeln

Marie Frank

Die Aufregung um die »Mittelfinger-Kampagne« des Senats ist groß: Teile der Bevölkerung würden dadurch zum Hass aufgestachelt, behauptet der Abgeordnete Marcel Luthe, der aus der FDP ausgetreten ist, weil diese den Corona-Maßnahmen nicht kritisch genug gegenüberstehe, und stellte Strafanzeige. »Publikumsbeschimpfung« nennt der Chefredakteur des »Tagesspiegels«, Lorenz Maroldt, den verzweifelten Versuch des Senats, die Menschen zum Tragen eines Mund-Nasen (!)-Schutzes aufzurufen. Das fragliche Motiv mit der älteren Dame, die Maskenverweigerern den Stinkefinger zeigt, wurde nach der massiven Kritik nun zurückgezogen.

Dabei haben Menschen, die sich trotz der steigenden Infektionszahlen und des unbestreitbaren und wissenschaftlich nachgewiesenen Nutzens des Tragens einer Maske beharrlich diesem minimalen Akt der Solidarität verweigern, soziale Ächtung durchaus verdient. Wer auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist – und dazu gehören nun mal auch viele Angehörige von Risikogruppen wie ältere und behinderte Menschen – ist den potenziell tödlichen Aerosolen vieler Mitreisenden Tag für Tag ungeschützt ausgesetzt. Nur weil diese es für unnötig oder als lästig erachten, ihre virenschleudernden Riecher mit einem Stück Stoff zu bedecken. Es ist diese mangelnde Solidarität und nicht etwa der plakative Stinkefinger, der die Gesellschaft spaltet.

Nun können neoliberale Vertreter wie Luthe und Maroldt dies schlecht kritisieren, wo es doch zum Wesen der entfremdeten kapitalistischen Gesellschaft gehört. Die Menschen haben so lange gelernt, nur für sich selbst zu kämpfen, dass es ihnen fremd geworden ist, sich selbst aus Rücksicht auf andere einzuschränken. Denn würden alle so handeln, dass möglichst wenige leiden und sterben müssen, müsste die gesamte Weltwirtschaftsordnung umgekrempelt werden. Das Tragen einer Maske, die nicht einen selbst, sondern andere schützt, ist da fast schon ein subversiver antikapitalistischer Akt.