Die niedergelassenen Ärzt*innen stöhnen, weil die Telefone auch absehbar nicht aufhören werden zu klingeln. Andere haben das Impfen zur Hauptaufgabe erklärt, der sonstige Praxisbetrieb läuft nebenbei - so wie die Kinderarztpraxis, die gerade weniger kleine Patient*innen hat und dafür deren Eltern und andere Erwachsene im Dauertakt impft. Viele Angehörige von Risikogruppen sind derweil verzweifelt[1]. Selbstständige sowie die meisten Beschäftigten in Berlin arbeiten in Unternehmen ohne Betriebsärztin. Sie müssen sehen, wie sie neben ihrer Arbeit ohne Homeoffice noch Zeit für das Dauerbingo mit Impfhotline und dem Doctolib-Buchungssystem finden.
Wer bisher Pech hatte beim Glücksrad der Terminvergabe für eine Corona-Schutzimpfung, wird es angesichts der Aufhebung der Impfpriorisierung sehr wahrscheinlich auch noch eine Weile länger haben - wenn die Lotterie nicht zufällig noch einen Termin ausspuckt. Während man sich seitens der Berliner Gesundheitsverwaltung auf die Schulter klopft, weil die Impfkampagne so erfolgreich laufe, wird in Kauf genommen, dass dabei eine ganze Menge Menschen durchs Raster fallen. Ohne Zweifel haben die Schwerpunktimpfungen in den Bezirken, die gut laufen und auch an den kommenden Wochenenden in Berliner Bezirken fortgesetzt werden, bereits Tausende Berliner*innen erreicht. Hier liefern Senat und Bezirke ein gutes Zusammenspiel.
Aber es wäre Aufgabe der Politik gewesen, die Aufhebung der Priorisierung so zu steuern, dass dabei nicht diejenigen unter die Räder kommen, die eine Immunisierung wirklich dringender benötigen als viele, die bereits zumindest einmal geimpft wurden. Nicht alle davon sind Impfdrängler, aber es ist ebenso wenig einzelnen Hausärzt*innen anzulasten, wenn sie bei verfügbarem Impfstoff ihre Wartelisten durchgehen, um schnell voranzukommen.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1152937.risikogruppen-politik-waelzt-die-verantwortung-ab.html