nd-aktuell.de / 30.06.2022 / Kommentare / Seite 1

Gerechtigkeit für Obdachlose

Das Recht gilt nicht nur für die, die es offiziell vertreten und schützen

Claudia Krieg

Es gibt viele, die meinen, die Straße sei ein rechtsfreier Raum. Es stört sie, dass Menschen auf der Straße und auf Plätzen Alkohol trinken, laut reden, hilflos sind, aggressiv sind. Auch dass Menschen ohne Wohnung dort leben (müssen), wird als persönliche Beleidigung empfunden. Demonstrationen oder Kundgebungen gehören ebenfalls zu den Angelegenheiten, die oft als nicht rechtmäßig gelten. Es wird als »nicht den Regeln entsprechend« wahrgenommen, weil es stört und nicht den Vorstellungen von gesellschaftskonformem Verhalten entspricht.

Dabei verwechseln die Menschen rechtsfreie Räume mit dem öffentlichen Raum. Im öffentlichen Raum, so scheint es vorgesehen, kann auf angemessene Art und Weise konsumiert werden, die Freizeit verbracht, Millionen von Autos können dort abgestellt werden. Wer den öffentlichen Raum betritt, so ist die damit verbundene Ansicht, verlässt ihn auch wieder zu gegebenem Zeitpunkt. Um sich in seine privaten Räume zurückzuziehen, zu regenerieren von den Anstrengungen des Tages, inklusive Freizeitstress und Konsum. Und auch um Dinge zu tun, die man an anderen als störend empfindet, wenn sie im rechtsfreien, Pardon, im öffentlichen Raum stattfinden: Alkohol trinken zum Beispiel oder den Partner oder die Partnerin anschreien.

Der gesellschaftliche Blick auf Menschen auf der Straße ist selten von Respekt und Anerkennung, häufig von Mitleid und noch häufiger von Abscheu geprägt. Noch immer ziehen sich sozialchauvinistische Ideologien und Einstellungen durch einen Großteil der Bevölkerung. Das betrifft genauso Vertreter*innen öffentlicher Einrichtungen und Institutionen wie Ämter und Behörden, Sicherheits- und Wachdienste wie auch den öffentlichen Nahverkehr. Menschen, die keine Wohnung haben und denen man das Leben auf der Straße mit allen damit verbundenen Schwierigkeiten ansieht, sind nicht das, was man sehen möchte. Nicht weil es uns eine angebliche Schwäche der Betroffenen zeigt, sondern weil es uns zeigt, wie brutal und unbarmherzig die Gesellschaft mit denen umgeht, die nicht ins Raster passen, die nicht ihre Produktivität jeden Tag aufs Neue beweisen oder für die das Leben an sich schon schwer genug ist. Gerade für diese Menschen muss es Gerechtigkeit geben, sollten sie obendrauf noch einer Gewalt ausgesetzt sein, die von Personen ausgeht, die sich der Sicherheit im öffentlichen Raum verschrieben haben. Die das Recht, dass sie doch angeblich zu verteidigen geschworen haben, umkehren, indem sie für sich in Anspruch nehmen, zu entscheiden, wem es zukommt und wem nicht.