Dass Leute, die nicht leicht frieren, am Silvestertag 2022 hierzulande durchaus im T-Shirt das Haus verlassen können, ist einer besonderen Wetterlage geschuldet, die warme Luftmassen in den Norden weht. Doch die ungewöhnlichen Temperaturen mitten im Winter sind mehr als nur eine Kapriole – sie bestätigen den langfristigen Trend. Laut der vorläufigen Datenauswertung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) stellte das ablaufende Jahr den bisherigen Temperaturrekord von 2018 mit bundesweit durchschnittlich 10,5 Grad Celsius ein. Vielleicht war es auch ein kleines bisschen mehr. Auf jeden Fall einen neuen Rekord seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gab es bei der Sonnenscheindauer, hinzu kam ein Niederschlagsdefizit von 15 Prozent. Summa summarum ist es laut der hiesigen Wetterbehörde seit 1881 in Deutschland inzwischen 1,7 Grad wärmer geworden. »Wir haben es bisher nicht geschafft, wirkungsvoll auf die Treibhausgasbremse zu treten«, kommentiert DWD-Klimaexperte Tobias Fuchs die Jahresbilanz. »Die Erderwärmung schreitet nahezu ungebremst voran.«
Die Aussagen wiederholen längst Bekanntes. Dass dies noch immer notwendig ist, bleibt das eigentlich Traurige. Wir wissen sehr genau, wie es zum Klimawandel kommt, dass er nur mittels drastischer Minderung der Treibhausgasemissionen begrenzt werden kann und was passiert, wenn wir dies unterlassen. Doch noch immer wollen viele davon nichts wissen oder, noch schlimmer, stellen die Erkenntnisse auf die Stufe einer Meinungsäußerung, was jeden Blödsinn internetsalonfähig macht.
Der Klimaschutz ist der erste Politikbereich, der auf naturwissenschaftlichem Fundament beruht und von der Wissenschaft angetrieben wird. Aberglaube, politischer Dogmatismus und wirtschaftliche Interessen bremsen ihn aber weiterhin aus. Und so wird Silvester im T-Shirt von der Wetterkapriole zur Klimanormalität.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1169737.wetterbilanz-silvester-im-t-shirt.html