Das Wort »behindert« hat viele Facetten. Für mich persönlich und für alle anderen irgendwie auch. Weil es mit unglaublich vielen Emotionen, Erfahrungen – die selbstverständlich positiv, negativ oder auch neutral sein können – und Meinungen verknüpft ist. In öffentlichen Kontexten[1] passiert es gelegentlich, dass Kinder ihre Eltern am Ärmel zupfen und sie fragen, ob ich aufgrund meiner fehlenden Hand »behindert« bin. Doch anstatt näher darauf einzugehen oder meine Meinung dazu einzuholen, wird diese Frage dann meistens mit einem »Behindert sagt man nicht!« abgetan. Warum eigentlich nicht?
Da ich bereits seit meiner Geburt keine rechte Hand habe, bin ich als behinderter Mensch sozialisiert worden und aufgewachsen. Ich kenne das gar nicht anders. Umgeben von Nicht-Behinderten, die dazu viel zu oft Stellung bezogen haben[2]. Lange habe ich den Begriff »behindert« bewusst vermieden, weil er, wie wir alle wissen, auf Schulhöfen und auch von Erwachsenen noch abwertend und beleidigend eingesetzt wird. Doch zu realisieren, dass dieses Wort für mich trotzdem wichtig ist und einen Teil meiner eigenen Geschichte und Identität widerspiegelt, hat Jahre gebraucht.
In diesem Begriff liegt ein Teil der Erklärungen für bestimmte Diskriminierungserfahrungen[3] und eine Resilienz, die daraus hervorging. Ich möchte nicht, dass man »behindert« nicht mehr sagen darf. Stattdessen sollten wir lieber dessen negative Konnotation einer Generalüberholung unterziehen. Oder wie die Autorin Luisa L’Audace sagt: »Ich bin behindert und stolz.«
Das Wort verbindet unsere Community, lädt zum Austausch ein und benennt ganz einfach, was wir eben sind: behindert. Es tut so gut, das endlich sagen zu können. Wir sollten uns den Begriff zurückerobern, die Köpfe zusammenstecken und uns gemeinsam ermächtigen. Denn Sätze wie »Aber du bist doch gar nicht so sehr behindert« oder »Für mich bist du nicht behindert« sollten endlich der Vergangenheit angehören. Doch, ich bin behindert. Und ich bin nicht allein. Das sagt aber nichts über meine Fähigkeiten und auch nichts über mein soziales Netzwerk oder mein Aussehen aus.
Wörter wie »Handicap«, »eingeschränkt« oder »benachteiligt« werden häufig von Nicht-Behinderten benutzt, um das Wort »behindert« zu umgehen. Es ist ein gut gemeinter Versuch, etwas zu beschönigen, doch er macht es eigentlich schlimmer. Denn damit wird suggeriert, dass »behindert zu sein« etwas Schlechtes sei, über das wir lieber nicht sprechen sollten – ein Tabuthema. Man bezeichnet diese Worte auch als Euphemismen, welche zur Verschleierung von Tatsachen dienen. Doch bei Behinderungen handelt es sich eindeutig nicht um etwas Abartiges, was wir ausbessern müssen. Diesen Gedanken können wir getrost den Nazis und dem letzten Jahrtausend überlassen. Denn es ist wirklich so: Nicht meine Behinderung muss überwunden werden, sondern ihre Stigmatisierung.
Und ich weiß nicht, wer auf die glorreiche Idee kam, uns als »Menschen mit besonderen Bedürfnissen« zu betiteln. Das ist ausschließendund suggeriert, dass unsere Bedürfnisse ein Luxus wären, dessen Erfüllung wir dankend annehmen müssten. Vielleicht ist der Weg ein anderer, aber das Ziel eines erfüllten Lebens und eines möglichst hohen Grades der Selbstverwirklichung unterscheidet sich wirklich nicht von den Zielen Nicht-Behinderter.
Das mag wie Jammern auf hohem Niveau klingen und ja, es ist Wortklauberei. Doch ich bin es leid, den Begriff zu umgehen und damit einen Teil meiner Identität zu leugnen. Gerade weil es eine Selbstbezeichnung ist und ich mich freiwillig dazu entschieden habe, ihn für mich zu verwenden. Zudem bin ich froh, dass ich in Zeiten und Breitengraden lebe, die mir erlauben, meine Identität adäquat zu beschreiben und auch andere darauf hinzuweisen. Und es wäre schade, diese großartige Möglichkeit außer Acht zu lassen.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1172201.selbstermaechtigung-behindert-sagt-man-nicht-doch.html