Es ist ein allzu schlichtes Marktmodell, das der Ökonom Joachim Ragnitz Ostdeutschland überstülpt: Wegen des Arbeitskräftemangels, so seine Prognose, werden die Löhne massiv ansteigen, und da die Produktivität nicht Schritt hält, werden viele Firmen in den neuen Ländern Pleite gehen. Das mag plausibel klingen, doch der Vizechef des Dresdner Ifo-Instituts skizziert lediglich die Sackgasse, in die eine verfehlte Nachwendepolitik strukturschwache Gegenden in den neuen Ländern geführt hat. Niedriglöhne galten Wirtschaftsliberalen als Königsweg nach dem Treuhand-Kahlschlag. Dabei sorgten sie für Abwanderung von Fachkräften, die jetzt schmerzlich fehlen.
Zwangsläufig war das nicht und ist es jetzt erst recht nicht. Der laufende Umbau der Wirtschaft bietet Perspektiven, wie man an den Hightech-Clustern und der boomenden E-Auto-Industrie im Osten sieht, aber dies könnte auch für bisher abgehängte Gebiete gelten. Regionale Wirtschaftsentwicklung geschieht ja nie allein durch Marktprozesse, sondern auch als Ergebnis öffentlicher Förderung und tariflicher Leitplanken. Nur müsste sich die Politik diesmal von Marktfetischisten wie Ragnitz emanzipieren.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1174080.kommentar-sackgasse-niedrigloehne.html