Es war ein grausiger Fund, den Polizisten im Advent des vergangenen Jahres in der alten Schwimmhalle in der Holzmarktstraße in Friedrichshain machten: Ein 40-jähriger Obdachloser, der das verlassene Schwimmbad als Schlafstelle genutzt hatte, wurde tot aufgefunden. Eine Obduktion ergab später, dass er an einer inneren Schädelblutung verstorben war, ausgelöst offenbar durch Gewalteinwirkung.
Ein knappes Jahr später stehen nun ein Mann und eine Frau für die Gewalttat vor Gericht. Wie das Opfer sind sie ohne festen Wohnsitz und polnische Staatsbürger. Ein Übersetzer spricht leise in ein Mikrofon, die Angeklagten hören über Kopfhörer zu. Sie sitzen getrennt voneinander in Glaskäfigen und verfolgen die Verhandlung stumm.
Was in der Nacht auf den 20. Dezember passiert ist, wird am ersten Verhandlungstag nur schemenhaft klar. Gemeinsam mit einem noch unbekannten dritten Täter hätten die zwei Angeklagten das Opfer »so stark misshandelt, dass es an den Verletzungen verstarb«, verliest die Staatsanwältin aus der Anklageschrift. Mit Schlägen und Tritten hätten sie ihr Opfer malträtiert. »Der Tod war mindestens absehbar«, sagt die Staatsanwältin. Die Anklage lautet entsprechend Körperverletzung mit Todesfolge.[1]
Ein Angeklagter, der 22-jährige Patryk O. gibt das Geschehen schon zu Prozessbeginn zumindest in Teilen zu, die 49-jährige Isabella W. schweigt dagegen zu den Vorwürfen. Mit leerem Blick verfolgt O., wie seine Verteidigerin ein vorbereitetes Statement verliest. Gemeinsam mit anderen hätten sie an diesem Abend im Schwimmbad zusammengesessen. »Wir haben viel Wodka getrunken an dem Abend«, schreibt O. Auch Drogen hätte er in dieser Zeit häufig konsumiert. Ob er auch an diesem Abend etwas genommen hatte, sagt er nicht.
Das Zusammensein in der Schwimmbadruine eskalierte offenbar zunehmend. [2]Das Opfer habe beleidigende Bemerkungen gegen seine Freundin gemacht, schreibt O. Auch den Partner der Mitangeklagten W. habe er beleidigt. Zweimal habe O. daraufhin dem Opfer ins Gesicht geschlagen und dann noch gegen den Kopf getreten, »aber nicht mit voller Kraft«, wie er sagt. Das Opfer habe zwar aus der Nase geblutet, aber sonst unverletzt gewirkt. O. sei daraufhin schlafen gegangen, die Mitangeklagte W. habe sich aber weiter mit dem Opfer gestritten.
Erst am nächsten Morgen habe O. bei einem Aufenthalt in der Stadtmission vom Tod des Opfers erfahren. »Bis heute ist mir die Tat unbegreiflich«, schreibt er. »Als ich ging, wirkte er noch ganz normal.« Der Tod des Obdachlosen sei für ihn bis heute ein Schock. Nachfragen der Richterin zu seiner Aussage ließ O. nicht zu. Im November soll der Prozess fortgeführt werden.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1177466.landgericht-obdachlose-in-berlin-toedlicher-streit.html