Liebe Genoveva,
ich habe deinen Brief aus der vergangenen Woche [1]mit gemischten Gefühlen gelesen. Wenn du von den Kulturkämpfen unserer Zeit schreibst, von der Kita, in die eingebrochen wurde, um dort einen Weihnachtsbaum zu platzieren, weil die Kitaleitung zuvor aus Rücksicht auf andere Religionen darauf verzichten wollte, dann spüre ich in mir einen Zynismus aufsteigen, vor dem ich mich fürchte. Ich fürchte mich vor ihm, weil er nichts Konstruktives bringt.
Wenn du von der Doppelmoral einiger Politiker*innen sprichst, spüre ich, wie ich wütend werde, weil es mir ebenso wie dir ein Anliegen ist, diese Doppelmoral zu skandalisieren, sie als das zu entlarven, was sie ist: Als Stimmungsmache, gegen Menschen, die in der gesellschaftlichen Hackordnun[2]g unten stehen, und als Versuch, der eigenen, oft verachtenden Politik ein menschliches Antlitz zu geben.
Gleichzeitig habe ich deinen Brief als vorsichtigen Optimismus gelesen. Einmal auf einer persönlichen Ebene, wenn du schreibst, dass du mit hoher Wahrscheinlichkeit der Armut entkommen[3] wirst. Das freut mich ungemein zu lesen, denn auch wenn die Armutserfahrung immer ein Teil von einem bleibt, selbst wenn man der Armut (sei es für eine längere Zeit oder temporär) entkommen ist, so gibt es doch die Möglichkeit, dass sich die eigene Anspannung durch die verbesserte ökonomische Lage etwas beruhigt.
Den anderen vorsichtigen Optimismus leite ich aus dem Schluss deines Briefes ab, in dem du schreibst, dass es die Möglichkeit gibt, sich zusammenzuschließen, um der Welt, mit ihren alltäglichen Ungerechtigkeiten etwas Progressives entgegenzusetzen. Und du schreibst, dass wir lernen müssen, jenen, die gesellschaftlich ausgegrenzt sind, zuzuhören, weil wir dadurch »erfahren, dass alles, was sie sich wünschen, auch unser eigenes Leben bereichert.«
Ich glaube, was wir brauchen ist jede Menge Hoffnung und Optimismus, denn wenn wir uns nur an dem abarbeiten, was alles nicht funktioniert, dann sind wir immerfort in Abwehrkämpfen gefangen. Dann verteidigen wir nur das, was wir bereits haben und was uns ohnehin zusteht, anstatt für das einzustehen, was uns verwehrt bleibt.
In meinem Schreiben[4] versuche ich diejenigen in den Fokus zu rücken, deren Interessen kaum oder gar nicht vertreten werden. Immer wieder stoße ich dabei an Grenzen. Weniger beim Schreiben, häufiger in Situationen, in denen ich mit Vertreter*innen des Bürgertums, oder Politiker*innen zusammensitze, beispielsweise auf Diskussionsveranstaltungen. Ich bemerke, dass der Aspekt der Bereicherung in Momenten, in denen die Mehrheitsgesellschaft zulässt, ausgegrenzte Personengruppen teilhaben zu lassen, für mein Gegenüber nicht so viel zählt. Stattdessen gewinnt vor allem die Klientelpolitik. Politiker der CDU verteidigen mir gegenüber dann ihre teils menschenverachtenden Ideen, Politiker der Grünen versuchen ihre Verantwortung bei der Armutsbekämpfung auf die Zivilgesellschaft abzuwälzen.
Manchmal kommt mir meine Beteiligung an solchen Gesprächen wie Hohn vor. Ich frage mich dann, mit welchem Recht ich überhaupt mit diesen Menschen spreche, wenn sie an einem ehrlichen Austausch nicht interessiert sind. Und noch schlimmer: Wenn sie ihn nur dafür nutzen, um zu signalisieren, dass ihnen Armut ein wichtiges Anliegen ist, während ihre Politik die Verelendung der Bevölkerung weiter vorantreibt.
Ich habe leider bisher keine Lösung für mein Dilemma. Alles, was ich weiß ist, dass ich diese Menschen mit der Verteidigung ihrer Privilegien nicht durchkommen lassen möchte. Mein Ziel ist es nicht, diese Leute für ihre Privilegien zu beschämen, ich will ihnen ihre Privilegien wegnehmen. Niemand muss einen Privatjet haben, niemand braucht mehrere Autos oder Häuser.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1178775.klassentreffen-den-reichen-ihre-privilegien-nehmen.html