Kinderliederplatten sind eine der strapaziösesten Erfindungen der Kulturindustrie überhaupt. Akkorde und Worte aus der Retorte, eins, zwei, drei – fertig, und von vorne. Da hilft nur eins: ein musikalischer Konsens zwischen Erwachsenen und Kindern.
Klingt unmöglich, ist es aber gar nicht. Denn es gibt Andreas Dorau[1]. Er begann seine musikalische Laufbahn einst mit dem NDW-Hit »Fred vom Jupiter«. Ein Kinderlied, das nicht nur nervig, sondern zugleich unterhaltsam und vor allem witzig ist, komponiert von einem Kind. Dorau war tatsächlich gerade einmal 15 Jahre, als er den Song in einer schulischen Projektwoche schrieb. In einem Alter, in dem andere auf den Spuren von Hermann Hesse mit schwülstig-prätentiöser Lyrik ebenso verzweifelt wie erfolglos ihr Alter zu kaschieren versuchten, kehrte er mit diesem Song eine unbekümmerte Naivität auf geradezu liebenswürdige Weise offensiv nach außen.
Mit »Fred vom Jupiter« war zugleich der kommerzielle Höhepunkt seiner Karriere erreicht, und Dorau auf ewig als One-Hit-Wonder gebrandmarkt (danke, Kulturindustrie!). Klingt irgendwie traurig, ist es aber gar nicht. Denn auf Erfolg hat es der Hamburger nie angelegt. Seinen Unterhalt verdiente er sich früh auch mit anderen Tätigkeiten, zum Beispiel als Video-Consultant. Die Musik hingegen blieb seine Leidenschaft, der er trotz wiederkehrender Pausen bis heute treu geblieben ist.
Im Januar ist Dorau 60 Jahre alt geworden. Für manche Künstler*innen wäre das ein Grund, Werkschau zu betreiben. Nicht so Andreas Dorau, der sich seine Platten als Vollblut-Dilettant[2] stets neu zusammenbaut und sich dabei einen unverstellten jugendlichen Blick auf die Welt bewahrt hat. »Im Gebüsch« ist sein neues, insgesamt 13. Album. Wie auch die Vorgänger kann diese Platte Tanzbeine von Jung und Alt zum Schwingen zu bringen.
Das kündigte schon die Vorab-Single »Das ist nur Musik« an, die bereits das Potenzial zum Dorau-Evergreen hat. »Das sind nur Worte und Noten/ Das ist nur Musik/ Geschrieben von Idioten/ Doch es ist nur Musik«, singt Dorau gewohnt nasal, und wendet sich damit implizit gegen Idealisierung und Starkult, auch wenn sein Freund Bernd Begemann[3] ihn jüngst zu »Deutschlands einzig wahrem Popstar« erklärte.
Doch der stets bescheiden auftretende Sohn eines protestantischen Pfarrers würde so ein Lob vermutlich nur mit einem diskreten Grinsen quittieren. Ein weiteres Highlight auf »Im Gebüsch« ist der Song »Auf der Weidenallee«. Darin singt Dorau zu treibenden Synth-Beats so heiter wie unbekümmert: »Ein betrunkener Mann/ Schaut mich ganz seltsam an/ Bin ich ein Problem?/ Ich kann da keins sehen«. Einfache Worte, die jedes Kind versteht, und die alle Erwachsenen zum Lachen bringen. Wenn nicht, dann – so viel steht fest – sind sie zweifellos das Problem.
Und so kann man es nach den 13 Songs auf »Im Gebüsch« drehen und wenden, wie man möchte: Die schönsten Electro-Pop-Schlager in diesem Land schreibt auch 43 Jahre nach »Fred vom Jupiter« noch immer Andreas Dorau. Bloß wissen das heute halt nur noch die wenigsten.
Andreas Dorau: »Im Gebüsch« (Tapete)
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1180052.popstar-andreas-dorau-immer-wieder-kinderlieder.html