Es ist ein vernichtendes Urteil für Justiz und Politik: Die oberste Cum-Ex-Ermittlerin Anne Brorhilker wechselt zur NGO Finanzwende – dort könne sie mehr ausrichten denn als Oberstaatsanwältin. Im Interview mit WDR-Investigativ betont Brorhilker zwar, die Kölner Staatsanwaltschaft[1] sei auf dem richtigen Weg und gut aufgestellt, um die Cum-Ex-Ermittlungen weiter voranzutreiben. Ihr Frust über deren Ablauf blieb dennoch unverhohlen. Brorhilker sei »mit Leib und Seele« Staatsanwältin gewesen. Sie sei aber nicht damit zufrieden, wie Finanzkriminalität in Deutschland verfolgt wird. »Die Kleinen fängt man, die Großen lässt man laufen. Das ist einfach ungerecht«, stellte sie fest. Damit kommt Brorhilker dem Vorwurf der Klassenjustiz[2] wohl so nah, wie sie es in ihrer jetzigen Position kann. Auch die Beeinflussung der Politik durch die Finanzbranche sei systemisch, führte sie weiter aus.
2013 war Brorhilker durch den Brief eines Anwalts auf die Cum-Ex-Geschäfte aufmerksam geworden. Jahrelang hatten Banker und Anleger eine Regulierungslücke genutzt und sich Steuern aus dem Aktienhandel zurückerstatten lassen, die sie niemals bezahlt hatten. Ein Milliardenschaden für den Staatshaushalt. Bereits ein Jahr nach Beginn ihrer Ermittlungen veranlasste Brorhilker eine Razzia in Europa und auf den Cayman-Inseln. 2019 erwirkte sie das erste rechtskräftige Urteil in den Cum-Ex-Fällen. Derzeit ermittelt ihre Abteilung gegen 1700 Beschuldigte. Jetzt will die Staatsanwältin die Justiz besser für den Kampf gegen Finanzkriminalität rüsten, die Finanzlobby zurückdrängen und für Gerechtigkeit vor Gericht sorgen. Das scheint sie sich als Geschäftsführung einer zivilgesellschaftlichen Organisation eher zuzutrauen.