Alles, was rechts ist (Teil 17): »Anarcho«kapitalisten und Paläolibertaristen
Maik Martschinkowsky
Als Angela Merkel 2005 Bundeskanzlerin in einer Großen Koalition wurde, sagte SPD-Mann Franz Müntefering, Milch und Honig werden nicht fließen, aber es gibt gutes Brot. Einigen waren solche Sätze schon immer das egal.
Foto: nd/Frank Schirrmeister
Auch bekannt als: marktextremistische Vereinigung
Motto: »Eigentum macht frei«
Weltbild & Ziele: »Anarcho«kapitalisten[1] und Paläolibertäre versuchen »der Politik zu entkommen«, die in ihren Augen lediglich einer freien Entfaltung der Individuen im Weg stehe. In ihrer Vorstellung reichen die allgemeine Anerkennung von Privateigentum und ein absolut uneingeschränkter Markt, um sämtliche Beziehungen zwischen den Individuen zu regeln. Verträge und private Dienstleistungen sollen den Staat weitestgehend ersetzen, Mitbestimmung und Einfluss durch Vermögen bestimmt werden und die gesellschaftliche Stellung der Menschen jeweils von deren »Leistungswert« abhängen. So wäre jede Person für sich und ihr Leben selbst verantwortlich. Ausschließlich für sich selbst.
Aber nicht nur die Menschen sollen vereinzelt werden, auch Länder und (Rest-)Staaten wollen sie in immer kleinere Verwaltungseinheiten zerlegen, um so eine größere Konkurrenz und damit ein vielfältigeres Angebot an Investitionsbedingungen zu schaffen. Diese Privaterie verkörpert für sie die totale Freiheit – und werde nebenbei für eine »natürliche Auslese« sorgen, die »leistungsunwillige« Individuen aussortiert sowie »eine Vermehrung der Schwachen« verhindert …
Erscheinungsbild: In ihrer Freizeit sind Paläos passionierte Anzugträger. Beruflich erscheinen sie jedoch oft standard-individuell und servieren sich auch gern mal überbetont lässig mit Rolex an Goldarmband auf leichtem Teint.
Auftreten & Charakter: »Anarcho«kapitalisten gebärden sich wie narzisstische Freibeuter, die sich einen eigenen Kaperbrief für die Welt ausgestellt haben und nun versuchen, alle (auch sich selbst) zu überzeugen, dass sie frei sind und nicht einfach nur einsam.
Sonstige Merkmale: Bis auf einige Ausnahmen (wie etwa im Fall der Bestseller-Autorin und Libertären-Heiligen Ayn Rand) scheint die paläolibertäre oder »anarcho«kapitalistische Ideologie deutlich häufiger bei Männern aufzutreten.
Spezialfähigkeit: Steuerabwehr (meisterhaft)
Strategie: In der Öffentlichkeit maximale Privatisierung fordern und versuchen, möglichst einflussreiche Positionen zu erlangen (Präsident zum Beispiel), um dann maximal zu privatisieren. In den letzten Jahren haben sich zudem das (in der Regel kurzzeitige) Gründen von Privatstädten (zum Beispiel auf dem Meer) sowie ein Vorantreiben der Verbreitung von Kryptowährungen als beliebte Ansätze erwiesen.
Wichtigste Medien (in Deutschland): »Eigentümlich frei«-Magazin, die Bücher der Autorin Ayn Rand und dubiose Internetseiten mit einem sensationell hohen Einsatz von Stock-Fotos
Einfluss auf einer Skala von 1 (Minimum) bis 10 (Maximum): 8–als ideologische Mutante des allgemein verbreiteten Wirtschaftsliberalismus sind paläolibertäre Ideen im Kapitalismus allgegenwärtig.
Marschieren gut mit: Liberal-Konservativen, Tech-Milliardären und sich selbst
Interne Konflikte mit: Neonazis und Neo-Eurasisten
Erzfeinde: Egalitarismus, Altruismus, Solidarität, Bürger*innenrechte, Sozialpolitik, Wohlfahrtsstaat und alles, was ihnen irgendwie »schwach« vorkommt
Mögliche Gegenstrategie: Die Eigentumsrechte an bisherigen Veröffentlichungen paläolibertärer und »anarcho«kapitalistischer Werke erwerben, die darin vertretenen Ideen patentieren und jedwede Vervielfältigung oder Verwendung untersagen.