Man stelle sich vor, ein Industrieunternehmen mit Tausenden Beschäftigten kündige an, seinen Standort zu schließen[1]. Es gäbe zu Recht Trara. Betriebsrat und Gewerkschaften würden zur Kundgebung trommeln, vielleicht sogar einen Streik ausrufen. Nicht so, wenn der Lieferdienst Getir seine Segel streicht. Geräuschlos werden die Beschäftigten vor die Tür gesetzt.
Demgegenüber steht das Getöse, mit dem die Lieferdienste versucht haben, Kund*innen zu gewinnen. Fassadengroße Werbeslogans in Kreuzberg wie »Gruß an alle, die morgens um 8 schon Bio-Gurken aus der Region bestellen« von Gorillas adressierten umweltbewusste Berliner*innen, denen die Optimierung des Alltags wichtiger ist als die Arbeitsbedingungen der Lieferant*innen. Arbeit, die in erster Linie von jungen Migrant*innen[2] erbracht und als biografische Zwischenstation betrachtet wird.
Wenn Getir nun mit Abnicken des Betriebsrats die Lagertüren zusperrt, dann ist das ein Sinnbild dafür, dass die Gewerkschaften dort nie Fuß gefasst haben. Es stimmt zwar, dass die Betriebe mit hoher Beschäftigtenfluktuation schwer zu erschließen sind. Doch an der Kritik, dass sich nie wirklich für dieses bestimmte Arbeiter*innenmilieu interessiert wurde, ist etwas Wahres. Die Tarifkampagne »Liefern am Limit«[3] der zuständigen Gewerkschaft NGG war weit von der Realität entfernt und ist deshalb verpufft.
Davon, dass sich in der Branche durchaus gewerkschaftlich organisieren lässt und Verbesserungen durchgesetzt werden können, zeugt die Arbeit der zahlreichen Workers Collectives. Es ist ein Versäumnis, dass diese Kollektive und die Gewerkschaften nie wirklich zusammengekommen sind.