Der 62-jährige Landesbischof Ralf Meister ist geistlicher Leiter der weite Teile Niedersachsens umfassenden größten deutschen evangelisch-lutherischen Landeskirche[1]. Sie ist mit 2,3 Millionen Mitgliedern eine von 20 dieser kirchlichen Einheiten in der Bundesrepublik. Meister ist seit 2011 im Amt und ist in Zusammenhang mit sexuellen Übergriffen kirchlicher Mitarbeiter nicht zum ersten Mal mit einer Rücktrittsforderung konfrontiert worden. Schon im März hatte eine in jungen Jahren von einem Diakon missbrauchte Frau aus dem Raum Osnabrück [2]verlangt, Meister möge wegen seiner Zurückhaltung in diesem Fall auf sein Amt verzichten. Der Landesbischof reagierte abweisend. Auch aktuell erklärte er gegenüber dem Evangelischen Pressedienst, dass er einen Rücktritt ablehne.
Wie notwendig ein stärkeres und konsequenteres Handeln der Landeskirchen und ihrer Leitung beim Umgang mit sexuellem Missbrauch und dessen Opfern ist, hat die Studie unterstrichen, die Anfang 2024 veröffentlicht wurde und aufzeigt, welch erschreckend hohe Zahl die Verstrickung evangelischer Geistlicher und anderer Mitarbeiter jener Kirche in das Missbrauchsgeschehen belegt. So wurden seit 1946 über 9000 Kinder und Jugendliche zu Opfern sexualisierter Gewalt durch Geistliche, Diakone und weitere im Klerus tätige Menschen.
Ihre Forderung nach dem Rücktritt des Bischofs unterstreicht eine Initiative von Missbrauchsbetroffenen mit dem Hinweis, oft seien sie von der Landeskirche enttäuscht worden. Oft sei den Angaben der Opfer gar nicht oder nur mit erheblicher Verzögerung nachgegangen und Betroffenen nicht geglaubt[3] worden. Es zeige sich, dass die Landeskirche völlig versagt[4], was die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt betrifft. Dieses Versagen gefährde auch Kinder und Jugendliche, die aktuelle kirchliche Angebote wahrnehmen. Die einzige verantwortungsvolle Option sei der Rücktritt Ralf Meisters.
Diese Forderung dürfte für die Landeskirche, zu einem sehr unwillkommenen Zeitpunkt kommen: Ihr oberstes Entscheidungsgremium, die 75 Mitglieder umfassende Landessynode, tagt seit Mittwoch im evangelischen Kloster Loccum unweit Hannovers. Auch das Thema Missbrauch wird dort zur Sprache kommen und wohl auch der offene Brief, den 200 Pastoren, Pastorinnen, Diakone und weitere kirchliche Mitarbeiter schon vor der Rücktrittsforderung verfasst hatten. In dem Schreiben rügen die Unterzeichnenden den Umgang der Kirchenleitung mit Missbrauchsfällen und fordern einen grundlegenden Kulturwandel und Selbstkritik ein. Nur so könne die Kirche wieder glaubwürdig werden.