Jetzt hat es auch die Rumänen erwischt. Ihnen ging am Dienstagabend beim 0:3 gegen die Niederländer die Kraft aus. Das Achtelfinale war bei der EM für alle Außenseiter die Endstation. Manchmal war es richtig knapp, wie im verlorenen Elfmeterschießen der Slowenen gegen Ronaldos Portugiesen[1]. Den Slowaken fehlten nur ein paar Sekunden zum Sieg gegen das große England. Die Kleinen, sie gibt es noch im Fußball.
Der Marktwert des englischen Teams wird mit rund 1,7 Milliarden Euro beziffert. Das Mitgefühl für Zweitligaspieler im Nationaltrikot wird noch größer, wenn sich Englands Star Jude Bellingham[2] nach dem späten Ausgleichstreffer und einem beschämend schlechten Spiel seines Teams in großer Pose feiern lässt: Mit 180 Millionen Euro ist der junge Mann von Real Madrid auf dem Fußballmarkt fast 30 Millionen mehr wert als der gesamte 26-köpfige Kader der Slowaken.
»No Georgia, no party«, wird in Alt-Müngersdorf gerufen. Nicht von georgischen Anhängern, die auf dem Weg ins Kölner Stadion zum Achtelfinalspiel ihres Teams gegen Spanien[3] sind. Empfangen wird der rot-weiße Fanmarsch von den Bewohnern des beschaulichen Stadtteils. Einige stehen auf Balkonen, viele vor ihren Häusern, die meisten an der Kirche Sankt Vitalis. Lebendiger Mittelpunkt ist dieser Platz mit seinen Märkten auch sonst, heute ist er Ort neuer Begegnungen und spontaner Gespräche, meist auf Englisch. Besonders beliebt ist bei den Georgiern ein kleiner Basar: Zwei Mädchen sitzen hinter einem bunt bemalten Tisch und verschenken selbstgemachte Souvenirs. Ein Lachen hat hier fast jeder im Gesicht.
Sympathien gewinnen die Außenseiter nicht nur mit ihren leidenschaftlichen Auftritten auf dem Rasen, sondern mit ihrer Art, die Teilnahme an diesem Turnier zu zelebrieren. Für Schottland kam das Aus schon in der Gruppenphase, viele Fans sind noch da. Ein paar schottische Jungs erzählen mir in Frankfurt, dass sie ihr Quartier für drei Wochen gebucht haben. Sie hatten natürlich Hoffnung, in dieser Zeit auch ihr Team noch zu sehen. »No matter«, sagt einer. Sie bleiben. Sie wollen feiern, und anscheinend alle mit ihnen. Eine spontane Riesenparty veranstalteten die Rumänen auf dem Kölner Domplatz[4].
Als peinliche Platzhirsche zeigen sich nicht nur überbezahlte Profis, auch manch Fußballfan scheint zu denken, die Welt gehöre gerade ihm. Zwei spröde, mittelalte Männer im Deutschlandtrikot wollen auf der Fahrt von Stuttgart nach Frankfurt partout nicht akzeptieren, dass im Ruhebereich des Zuges niemand billige Après-Ski-Lieder hören will. Ein biermutiger Belgier[5] ist in der Straßenbahn zum Kölner Stadion nur mit Mühe davon abzuhalten, die obere Fensterklappe zu zerstören.
Die eingerichteten Anwohnerschutzzonen sind in Alt-Müngersdorf unnötig. »Wir sagen danke«, freut sich Polizeidirektor Martin Lotz nach dem Spiel über einen »ruhigen Einsatzverlauf«. Der georgische Trainer Willy Sagnol sagt: »Wir sind nicht enttäuscht, nur etwas traurig, dass wir verloren haben.« Die Fans feiern schon nach dem Abpfiff – ihr Team und die Teilhabe. Sagnol schwärmt bei Georgiens erstem großen Turnier[6] von »Spielen gegen die Besten, in den größten Stadien – alle wollen wiederkommen«. Die Außenseiter werden in den verbleibenden elf EM-Tagen fehlen.