Es geht etwas hektisch zu am Mittwochvormittag vor dem Büro des Lieferando-Betriebsrates in Berlin. Zunächst gehen noch einige ausgefüllte Unterschriftenlisten auf den Handys der Lieferkurier*innen[1] ein. Sie müssen schnell ausgedruckt werden. Dann wird einem Kollegen eine orangene Arbeitsjacke übergezogen und er wird mit rotem E-Scooter zur Firmenzentrale geschickt. Es geht die Sorge um, dass einige Kolleg*innen sich dort zur Kundgebung einfinden und nicht auf der gegenüberliegenden Seite der Spree.
Doch wenig später stehen 35 Fahrer*innen und Unterstützer*innen zusammen vor dem Spreeufer. Im Hintergrund ist die Deutschland-Zentrale von Lieferando zu sehen. »No more paycuts!« (Keine weiteren Lohnkürzungen), rufen die sogenannten Rider. Sie sind einem Aufruf von Kolleg*innen gefolgt, die sich im Lieferando Workers Collective (LWC)[2] zusammengeschlossen haben. Um auf mangelhafte Arbeitsbedingungen[3] hinzuweisen, will das LWC im Rahmen einer Petition 330 Unterschriften gesammelt haben. Eine Sprecherin des LWC holt als Beleg einen dicken Stapel aus Unterschriftenlisten hervor. Insgesamt arbeiten rund 1500 Berliner Kurier*innen bei Lieferando.
Für Unmut sorgt insbesondere eine neue Zuschlagsordnung. Vollzeitbeschäftigten würden künftig 300 bis 400 Euro netto weniger verdienen, erklärt ein Mitglied des LWC auf der Kundgebung. Bislang galt für besonders bestellungsintensive Schichten ein lieferungsbasierter »Peak-Time Bonus« von zwei Euro je Bestellung: Je mehr Lieferungen ein*e Fahrer*in zu den Kund*innen bringt, desto höher der Bonus. Diese leistungsbasierte Regelung stand in der Kritik, da sie sowohl den körperlichen Verschleiß als auch das Unfallrisiko erhöht.
Insofern begrüßt das LWC auch die grundlegende Änderung des Zuschlagsmechanismus zu einem stundenbasierten Peak-Time-Bonus. Das LWC habe das neue Berechnungsverfahren einem beratenden Wirtschaftsexperten vorgelegt. Dieser sei zu dem Schlus gekommen, dass das Gesamteinkommen aller Kurier*innen erheblich gesenkt werde. Mit ihrer Petition fordern die Kurier*innen einen Zuschlag von zehn Prozent pro Stunde, also eine Erhöhung des bisherigen Stundenlohns um 1,25 Euro.
»Mir würden mit der neuen Berechnung mindestens 400 Euro netto verlorengehen.«
Lieferando-Kurier
Einer »nd« vorliegenden Berechnung von Lieferando zufolge würde sich lediglich der Lohn von in Vollzeit Angestellten um einen mittleren zweistelligen Betrag reduzieren, die Löhne von Teilzeitangestellten und Minijobber*innen würden sich hingegen erhöhen. »Lieferando hat den Lohn nicht gekürzt«, teilt das Unternehmen »nd« mit. Das Zuschlagsmodell sei ein Berliner Pilotprojekt und das Auslaufen zu Juni von Beginn an bekannt gewesen. Den Betriebsrat habe man in die Entwicklung eingebunden. Das neue Modell liege dem Betriebsrat zudem seit vier Wochen vor. Damit würden »fast alle Fahrer bundesweit mehr verdienen«.
Da das alte Zuschlagssystem Anfang des Monats abgeschafft wurde, die neue Regelung aber noch nicht in Kraft ist, liegt der Stundenlohn laut LWC gegenwärtig bei 12,50 Euro – neun Cent über Mindestlohn.
»Mir würden mit der neuen Berechnung mindestens 400 Euro netto verlorengehen«, sagt einer der Anwesenden zu »nd«. Er liefere mit dem Auto aus und arbeite in der Regel noch mehr als 40 Stunden, weshalb der Verlust auch umso größer sei.
Auch die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) kritisiert die »unfairen Bonus-Modelle«. »Die Empörung, die von hunderten Kolleg*innen zum Ausdruck gebracht wurde, weil das Unternehmen schrittweise die Verdienstmöglichkeiten reduziert«, bestärke die NGG in dem Vorhaben, bei dem Deutschland-Ableger von Just Eat Takeaway einen Tarifvertrag durchzusetzen, erklärte Gewerkschaftssekretär Veit Groß.
Wie ein Mitglied des LWC mitteilte, habe Lieferando zuletzt auch die Gebühren für Restaurants und Endkund*innen erhöht. Lieferando als Quasi-Monopolist[4] nehme das Geld von allen Seiten, um die Profite zu erhöhen.
Die Bekanntmachung der Petition sei ein erster Schritt, sagt ein Mitglied des LWC zu »nd«. Man werde die Beratungen zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung verfolgen. Danach werde entschieden, ob man den Protest weiter auf die Straße und vor die Firmenzentrale trage, auch Blockaden der Betriebsabläufe seien denkbar.