nd-aktuell.de / 19.07.2024 / Kultur / Seite 1

Die Unverwundbaren im Straßenverkehr

Über den zunehmenden Wahnsinn im deutschen Straßenverkehr

Jörg Sundermeier
Verkehr – Die Unverwundbaren im Straßenverkehr

Man muss davon ausgehen, dass alle anderen Idioten sind» Diesen Spruch gab mir mein Vater mit, als er mir das Radfahren und später auch das Autofahren beibrachte. Er meinte damit: Es gibt immer die eine, die das Rot einer Ampel überfährt, und immer den einen, der bei Grün stehen bleibt. Um bei dieser oder jener nicht aufzufahren oder um nicht von ihnen umgefahren zu werden, müsse man unterstellen, dass alle Idioten seien. So bleibe das Rad heil, das Auto und vor allem die Knochen. Ich fand das damals etwas streng und ein bisschen unfair und wusste, man kann sich arrangieren mit Blicken und Gesten, etwa, wenn niemand so recht weiß, wer nun eigentlich Vorfahrt hat.

In den letzten Jahren jedoch muss ich immer öfter an diesen Spruch meines Vaters denken. In der letzten Woche etwa, als ich zur Arbeit radelte und in einer schmalen Nebenstraße, die ich gern benutze, zwei SUVs aufeinandertrafen. In der Straße war es den beiden leopardpanzerbreiten Autoungetümen unmöglich, aneinander vorbeizukommen, aber keiner wollte nachgeben. Sie standen sich gegenüber, starrten sich böse an und hupten unaufhörlich. Schwerer als diesen Schicksalsschlag nahmen sie nur, dass wir Fahrradfahrer*innen rechts und links an ihnen vorbeifahren konnten, ohne dass sie vorankamen – und radfahrende Menschen sind für gewisse Erfolgsmenschen ja noch grässlicher als Fußgänger*innen, denn Räder sind auch recht schnell, in der Stadt aber oft schneller, da wendiger.

Ich war allerdings sehr überrascht, dass ich beide auch noch fünf Kreuzungen weiter hupen hörte. Offenbar war keiner von ihnen – es waren selbstverständlich zwei Männer! – in der Lage nachzugeben, und so standen sie sich weiter unversöhnlich gegenüber in jenem Stellungskrieg, den sie für Straßenverkehr halten. Vielleicht hupen sie noch heute. Vor wenigen Tagen dann stieß eine Autofahrerin ein paar Meter vor mir und direkt vor einer Radfahrerin auf den Radweg, sie kam aus einer Ausfahrt und es war ihr offenkundig egal, dass es weitere Verkehrsteilnehmer gab. Dergleichen passiert dauernd. Und auch Menschen zu Rad und per pedes sind inzwischen völlig irre, Verkehrsregeln werden nicht beachtet, die Herstellung von anderen Vereinbarungen im Verkehr ist offenkundig unmöglich.

Sind also alles Idioten, Ungebildete? Das könnte man vermuten, und wenn man sieht, wie wenig die gar nicht so ungebildeten Regierenden Bildungsmöglichkeiten für andere wertschätzen, mag es sogar auf der Hand liegen. Ich fürchte aber, dass die allermeisten die Verkehrsregeln kennen. Allerdings sind sie ihnen schnurz, denn sie wähnen sich als Individuen in einer Welt, in der sie allein im Mittelpunkt stehen. Denn «there is no such thing as society» wie Maggie Thatcher ihnen einst diktierte, es gibt keine Gesellschaft mehr für sie, nur sich und ihre eingebaute Vorfahrt. Dass sie bereit sind, für ihre ichsüchtige Ideologie nicht nur andere, sondern auch sich selbst zu gefährden, beweist nur, wie verblendet ein Großteil der Leute heute ist. Sie halten sich wahrscheinlich wirklich für unverwundbar.