Die deutsche Bürokratie erschwert vielen Geflüchteten das Leben. Erst nach drei Monaten dürfen sie überhaupt einen Job annehmen, meistens müssen sie sogar noch länger warten. Bei Asylbewerber*innen sehen Gesetzentwürfe der Bundesregierung nun vor, dass sie in Erstaufnahmeeinrichtungen nach sechs statt wie bislang neun Monaten arbeiten dürfen. Dies begrüßt die Berliner Integrationssenatorin Cansel Kiziltepe (SPD): »Das ist richtig, damit die Menschen besser und schneller integriert werden können«, sagt sie. Trotzdem werden Geflüchtete erst einmal für ein halbes Jahr zum Däumchendrehen gezwungen.
Für eine bessere Arbeitsmarktintegration will Kiziltepe auf das Projekt »Job-Turbo« setzen, das seit Anfang dieses Jahres auch in Berlin läuft. Es verfolgt das Ziel, einerseits Geflüchteten den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt[1] zu ermöglichen, andererseits auch die Duldung bei Menschen im Asylverfahren zu beschleunigen. Voraussetzung ist, dass Betroffene einen Integrationskurs absolviert und grundständige Deutschkenntnisse erworben haben.
Zu den Zielen des Job-Turbo gehört die Vermeidung unnötiger Wartezeiten. Geflüchtete sollen mithilfe des Jobcenters oder der Agentur für Arbeit effizienter an einen Beruf kommen und dabei Unterstützung erhalten. Bisherige Berufserfahrungen sollen möglichst erhalten, eingebracht und weiter ausgebaut werden.
»Ein Verharren im Niedriglohnsektor geflüchteter Menschen trotz vorhandener Qualifikation muss verhindert werden.«
Stefan Strauß Pressesprecher des Integrationssenats
Dabei geht es auch verstärkt um Sprache: Neben Kontaktknüpfung sollen berufsbegleitende Sprachkurse in Deutsch angeboten werden. Laut Kiziltepe befördere dies ebenfalls die Integration in die deutsche Gesellschaft: Denn mit »Kolleginnen und Kollegen im Betrieb« könnten Geflüchtete das erlernte Sprachwissen in der Praxis besser umsetzen.
In einer sprachlich diversen Stadt wie Berlin stellt sich allerdings die Frage, ob das Beherrschen der deutschen Sprache zwingend für jede Berufstätigkeit notwendig ist. Längst beschäftigen IT-Abteilungen von Konzernen wie der Online-Versandhändler Zalando ausländische Arbeitskräfte ohne jegliche Deutschsprachkenntnisse. Diese Frage kann Integrationssprecher Stefan Strauß nachvollziehen: »In vielen Tech- und IT-Berufen ist die Hauptarbeitssprache Englisch«, sagt er auf Anfrage von »nd«. Doch im Dienstleistungssektor oder bei Pflegeberufen sei Deutsch die Hauptberufssprache; entsprechend würden Sprachkenntnisse »von der Arbeitgeber*innenseite als voraussetzend angesehen«, erklärt er.
Gleichzeitig warnt Strauß vor sogenannten Lock-in-Effekten: »Ein Verharren im Niedriglohnsektor geflüchteter Menschen trotz vorhandener Qualifikation muss verhindert werden«, gibt er an. Dazu zähle auch fehlende Sprachförderung. Daher setze der Job-Turbo einen Schwerpunkt auf den Ausbau von Berufssprachkursen. Außerdem appelliert Kiziltepe, die Sprachbarriere nicht allzu streng zu sehen: »Man kann da auch ein wenig pragmatischer vorgehen und auf Qualifizierung im Job setzen.«
Neben dem Job-Turbo plant der Berliner Senat am 16. Oktober auch eine große Jobmesse im Ankunftszentrum und Notunterkunft Tegel[2]. So sollen zur Messe viele Arbeitgeber*innen mit eigenen Ständen vor Ort sein.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1184079.arbeitsmarktintegration-job-turbo-fuer-die-hauptstadt.html