Bei der am Mittwoch in Köln eröffneten Videospiel-Messe Gamescom[1] werden in den nächsten Tagen Hunderttausende Besucher*innen erwartet. Über 1400 Ausstellende aus 64 Ländern präsentieren bis Sonntag neue Videospiele sowie andere technische Innovationen. Neben zahlreichen Werbeveranstaltungen geben Gamer*innen aus aller Welt bei Turnieren ihr Können zum Besten. Was lange Zeit als Nischenhobby galt, ist längst zu einem Massenphänomen geworden. Fast die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland spielt laut Angaben des Branchenverbandes Game gelegentlich Videospiele, inzwischen annähernd so viele Frauen wie Männer.
Auch wirtschaftlich befindet sich das Geschäft auf einem Wachstumspfad: Seit Jahren steigen die Umsätze kontinuierlich an. 2023 verzeichnete die Sparte in Deutschland laut Verbandsbericht mit zehn Milliarden Euro ein Umsatzplus von sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Einnahmen stammen aus dem Verkauf von Spielen, Hardware und sogenannten Online-Gaming-Services wie Abos und Cloud-Dienstleistungen. In den insgesamt 908 Entwickler-Studios in Deutschland arbeiten knapp 12 000 Beschäftigte, annähernd 20 Prozent mehr als noch vor vier Jahren. Insbesondere im Zuge der Corona-Pandemie[2] hat die Branche ein enormes Wachstum erlebt.
»Davon kam bei den Beschäftigten aber nichts an«, kritisiert Verdi-Gewerkschaftssekretär Matthias Grzegorczyk im Gespräch mit »nd«. Und auch die stark gestiegenen Preise infolge des Energiepreisschocks seien bislang kaum ausgeglichen worden. Daran will die Dienstleistungsgewerkschaft nun etwas ändern. Sie ging deshalb vor der Gaming-Messe mit sechs Kernforderungen an die Öffentlichkeit.
Neben mehr Lohn geht es vor allem um regulierte Arbeitszeiten, Jobsicherheit und Forderungen nach Geschlechtergerechtigkeit. In vielen der vor allem kleineren Entwickler-Firmen sind projektbezogene Verträge üblich. Für die letzten Meter der Produktion werden Beschäftigte oft befristet angestellt, die nach Fertigstellung wieder entlassen werden. Hinzu kommen unregulierte Arbeitszeiten in den sogenannten Crunch-Phasen. In diesen arbeiten die Teams oft unter hohem Druck, um einen Meilenstein oder das Spiel rechtzeitig fertigzustellen. Von den Beschäftigten werden in diesen Phasen vielfach unbezahlte Überstunden verlangt. »Es braucht dringend ein Umdenken in der Branche«, betont Gewerkschaftssekretär Grzegorczyk.
Um die Forderungen zu erarbeiten, haben sich Entwickler*innen vor anderthalb Jahren im sogenannten Game Devs Round Table zusammengeschlossen. »Die Idee stammt von den Entwicklerinnen und Entwicklern selbst«, sagt Grzegorczyk. »Ich unterstütze sie nur.«
Wie viele Beschäftigte beteiligt sind, will der Verdi-Sekretär nicht sagen, auch nicht, wie hoch der Organisationsgrad in der Branche ist. Doch es würden immer mehr. Und an der Forderungsaufstellung seien Beschäftigte aus verschiedenen Unternehmen »in einer deutlich zweistelligen Zahl beteiligt.« Darunter auch viele Entwicklerinnen, die sich für mehr Gleichberechtigung in der Branche starkmachen, betont er.
Nicht nur, dass sich für viele Beschäftigte Beruf und Privatleben mit Blick auf die teils entgrenzten Arbeitszeiten kaum vereinbaren lassen, auch gibt es immer wieder Kritik am Sexismus in der stark männerdominierten Branche. Belästigung am Arbeitsplatz sei bei Befragungen unter Beschäftigten stets unter den ersten fünf Problemen genannt worden, erklärt Grzegorczyk. Neben besserem Schutz müssten auch die Täter zur Verantwortung gezogen werden, heißt es darum im Forderungskatalog des Round Table.
Wie groß das Ausmaß ist, zeigt das Beispiel Blizzard-Activision, eine der weltweit größten Spielefirmen, die unter anderem das bekannte Online-Rollenspiel World of Warcraft[3] vertreibt. Nach Beschwerden von Entwicklerinnen willigte der Konzern im vergangenen Jahr in eine Zahlung von mehr als 50 Millionen US-Dollar zur Beilegung eines Rechtsstreits wegen geschlechtsspezifischer Diskriminierung ein. Die Beschäftigten hatten in den USA gegen systematisches Mobbing, berufliche Benachteiligung und sexualisierte Belästigung in den Studios geklagt.
Daneben geht es den Entwickler*innen des Round Tables um eine Regulierung beim Einsatz von künstlicher Intelligenz, etwa mit Blick auf Arbeitsabläufe, Überwachungsmethoden und möglichen Stellenabbau. Zudem verlangen sie mehr Transparenz bei Firmenentscheidungen.
Nur in wenigen Gaming-Unternehmen gibt es derzeit Betriebsräte, die solche Regelungen aushandeln könnten. Und brancheneinheitliche Vereinbarungen wurden bislang gar nicht getroffen. Sie sollen nach dem Willen der Gewerkschaft Verdi Gegenstand eines übergreifenden Tarifvertrags werden. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg. »Wir müssen erst Macht aufbauen und die eine oder andere Auseinandersetzung führen«, erklärt Grzegorczyk dazu.
In einer ersten Stellungnahme lehnte Geschäftsführer von Game, Felix Falk, die Verdi-Forderungen ab, wie die Plattform Gamemarkt berichtet. Er bezeichnete sie als generisch und dass sie unterschlagen würden, »wie unterschiedlich die Realitäten für die einzelnen Games-Unternehmen in Deutschland sind.« Wichtig sei es, die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu erhalten, so Falk.
Trotz solider Wachstumszahlen in den vergangenen Jahren war die Stimmung in der Branche zuletzt getrübt. Derzeit ist eine Konsolidierung am deutschen Markt zu beobachten, insbesondere kleinere Unternehmen stehen wegen gestiegener Kosten und einer schwächeren Nachfrage unter Druck. Im ersten Halbjahr lag der Umsatz laut Branchenverband Game um sechs Prozent niedriger als im selben Vorjahreszeitraum. Auch weltweit verloren in diesem Jahr schon mehr Beschäftigte konjunkturbedingt ihre Jobs als im gesamten Vorjahr.
Mit Blick auf die schwierige Lage forderten die Unternehmen vor der Gamescom von der Bundesregierung mehr Unterstützung. Ihnen geht es um die Förderung für den Ausbau der Infrastruktur wie Breitband-Internet, bei der Ausbildung von Fachkräften und bei der von E-Sports, dem Online-Wettbewerb unter Gamer*innen. Danach sieht es im Moment nicht aus. Das Bundeswirtschaftsministerium nimmt derzeit keine Förderanträge an.
Vor dem Hintergrund ist unklar, ob sich der Branchenverband auf Tarifverhandlungen einlässt. Eine Anfrage dazu blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.