nd-aktuell.de / 30.08.2024 / Kultur / Seite 1

Oasis Reunion: Helter Skelter

Nach 15 Jahren Funkstille haben sich Noel und Liam Gallagher wieder vertragen: Oasis kommen zurück auf Tour

Christin Odoj
Da hatte der eine den anderen noch nicht mit einem Cricket-Schläger verhauen.
Da hatte der eine den anderen noch nicht mit einem Cricket-Schläger verhauen.

Es gibt nichts Belangloseres als Musik. Sie ist reine Zeitverschwendung, nur dazu da, sich vom Leben laut abzulenken. Daher ist ein Geschmacksurteil sinnlos. Das einzige, wozu Musik taugt, ist, sich in andere, ohne Drogen eigentlich unerreichbare, Sphären tragen zu lassen. Ebenen, auf denen man sich besser, stärker, unbesiegbarer fühlt. Und selbst wenn die Musik will, dass man sich hinterher schlechter fühlt, geht es einem in Wirklichkeit besser. Alles ist eine riesige Gaukelei.

In den 1990er Jahren waren die besten Magier zwei Brüder aus Manchester: Liam und Noel Gallagher, Kinder irischer Einwanderer, Arbeiterklasse, aber sowasvon. In Interviews verstand man Liam nicht, weil er immer klang wie ein Bergarbeiter aus dem Osterzgebirge, der beim Essen spricht. Aber die Songs, die Noel schrieb und die Liam dann sang, die verstand man: dicke Eier, Kippe im Mund, das letzte Bier ist immer schlecht, aber scheiß drauf, die davor wären sonst nie so gut gewesen. Es war Männermusik, die man mangels Alternativen auch als Frau hörte, weil sie einfach so hart in die Welt hinausposaunte: Mir doch egal, ich lass’ das jetzt so. Die Gitarre am Anfang von »Cigarettes & Alcohol« (aus dem ersten und allerbesten Album »Definitely Maybe«, 1994) ist genau das: sowas von peinlich bei T.Rex »Get it on« geklaut, aber scheiß drauf, es scheppert dich weg auf dem Weg zur Schule, erste Stunde Mathe.

Die aufdringliche Musik, gemacht von zwei cholerischen Brüdern, die dachten, sie wären die Beatles, begründete den Brit-Pop, den heute keiner mehr kennt. Zu recht, denn, was die Gallaghers sangen (»she’s done it with a doctor on a helicopter«) und wofür sie standen (überpeinlicher Terstosteronüberschuß), würde heute grandios im Nichts verpuffen, weil man bessere Identifikationsfiguren hat. Aber die, die noch wissen, wie sich das anfühlte, als man zum ersten Mal die Drums von »Live Forever« auf den Kophörern hatte und Liams unsägliche Stimme dazu knarzte, die kaufen auch völlig überteuerte Tickets, um zwei schlecht gelaunte Engländer zu erleben, die im Jahr 2025, 16 Jahre nach dem großen Bruderstreit, wieder auf Tour gehen. Helter Skelter.