An diesem heißen Freitagnachmittag herrscht viel Betrieb auf der Eberswalder Straße. Passant*innen drängen sich über den Gehsteig zwischen den Tischen der Restaurants und abgestellten Fahrrädern, im Hintergrund rattern Waggons über die Hochbahn-Strecke der U2. Zwei Fahrradkuriere des Lieferdienstes Wol[1]t stehen in einem schattigen Hauseingang und warten. Immer wieder schauen sie zur Mittelinsel unter den Gleisen hinüber, wo sich rund 40 Menschen zu einer Protestkundgebung versammelt haben. Beschäftigte rufen Sprechchöre und halten Schilder hoch, auf denen unter anderem »Keine Toleranz für Gewalt« oder »Ich bestelle Respekt« zu lesen ist.
Für die Wut der Kurier*innen verantwortlich ist ein Vorfall, der sich vor zwei Wochen in einer Filiale der Fast-Food-Kette Burgermeister hier, an der Eberswalder Straße, zugetragen hat: Ein Lieferando-Kurier soll von mehreren Angestellten physisch attackiert worden sein, nachdem er im Innenbereich des Ladens gewartet und um ein Wasser gebeten habe. Der Betroffene gibt an, er sei schließlich mit Kopfverletzungen im Krankenhaus gelandet.
Burgermeister dementierte diese Darstellung gegenüber mehreren Medien. Die Polizei bestätigte den Vorfall gegenüber dem »Tagesspiegel«. Der Hergang werde jedoch noch ermittelt, da beide Seiten Anzeige wegen Körperverletzung erstattet hätten.
Von »nd« auf den Lieferando-Protest[2] angesprochen beklagen auch die Wolt-Kurier*innen an der Eberswalder Staße Probleme mit Burgermeister. Sie könnten nicht einmal vor dem Lokal auf Bestellungen warten, erzählen sie am Freitag. Allgemein gäbe es keinen Respekt für Radkurier*innen.
»Unsere Arbeit wird als wertlos angesehen und das färbt auf den Umgang mit uns ab.«
Lieferando-Kurier zu »nd«
Das Lieferando Workers Collective (LWC), eine Interessensvertretung der Kurier*innen, beklagt eine Zunahme von Übergriffen. Hierzu zählen sie Attacken durch Restaurantpersonal und Verkehrsteilnehmer*innen oder Kunden, die Bestellungen nackt entgegennähmen und Kurier*innen belästigten. »Unsere Arbeit wird als wertlos angesehen und das färbt auf den Umgang mit uns ab«, sagt Lieferando-Kurier Max zu »nd«, der sich bei LWC engagiert und eigentlich anders heißt.
Die Protestierenden sehen Lieferando in der Pflicht, seine Beschäftigten besser vor Gewalt zu schützen. »Das Unternehmen hat uns zu dem Vorfall und etwaigen Konsequenzen bisher nicht informiert«, kritisiert Max. »Insofern muss man schon fragen, ob sich Kollegen weiterhin potenziell in Gefahr begeben, wenn sie Aufträge dieses Restaurants ausfahren oder die Toilette benutzen wollen.« Aktuell seien Kurier*innen verunsichert, da Burgermeister auf der offiziellen Toilettenliste von Lieferando stehe.
Aus Betriebsratskreisen wird nun eine Verbesserung des Arbeits- und Gewaltschutzes gefordert: Verbindliche Regelungen sollen für die Partnergastronomie und Kund*innen aufgestellt werden, Kurier*innen wünschen sich eine Notfallrufnummer, die in mehreren Sprachen und auch in Randzeiten erreichbar ist. Lieferando solle zudem über die Einrichtung von Sanitärräumen in Lieferhotspots nachdenken. Auch wird die Möglichkeit gefordert, Kund*innen oder Restaurants, bei denen schlechte Erfahrungen gemacht wurden, nicht mehr zu beliefern.
Ein Lieferando-Sprecher erklärt auf nd-Anfrage, Gewalt in jeglicher Form sei vollkommen inakzeptabel. »Wir tolerieren keine Übergriffe auf unsere Mitarbeitenden, bedauern den Vorfall und stehen mit dem betroffenen Kollegen sowie dem Restaurant in Kontakt, um den Vorfall zu untersuchen. Zudem unterstützen wir die laufende Ermittlung der Polizei«, teilt er mit. Vorfälle dieser Art kämen zwar vor, seien allerdings extreme Einzelfälle, die gegenüber dem Vorjahr nicht zugenommen hätten.
Zum Schutz der Fahrer*innen[3] verfüge Lieferando über ein Sicherheitskonzept, welches unter anderem Präventionstrainings und psychologische Nachsorge beinhalte. Zudem würden Vorfälle systematisch ausgewertet, um Gefahren zu minimieren. Rund die Hälfte der 35 000 Partnerrestaurants erlaube explizit die Nutzung der Waschräume, um die Versorgung mit Wasser habe man seine Partner gebeten, so der Lieferando-Sprecher. Das Unternehmen verweist auf eine Vereinbarung zu Sanitärräumen und Getränken mit McDonalds, deren Filialen seien quer durch Berlin verteilt.