In Brandenburg, so wird in der Hauptstadt mit sorgenvoller Miene geraunt, wählt sich das Volk am Wochenende seinen Landtag. Ob der Brandenburger das zur Zufriedenheit aller Ampelmänner und engagierter Pressevertreter erledigen wird, daran gibt es große Zweifel.
Kürzlich bin auch ich in die Mark gereist, die Berlin, diese Insel der Galão-Seligen, umgibt wie ein ungestümes Meer. Und – was soll ich sagen? Wenn man nicht gerade wie Jauch, Scholz, Baerbock recht mondän in Potsdam logiert, kommt man schnell zu einer schlichten Einsicht: Besser wär’s gewesen, diejenigen mit Abwahlängsten hätten das letzte alternative Jugendzentrum nicht dichtgemacht, man bräuchte nicht eine Halbtagesreise zum nächsten Hausarzt zu unternehmen, das bei den Bürgergeldempfängern weggesparte Geld würde nicht in Rüstung umgesetzt.
Aber auch wenn Hoffnung rar ist, Kunst wird bekanntlich immer gemacht. Und manchmal hilft sie sogar. In Strausberg etwa arbeitet auf dem alten Postgelände, umgeben von tiefem Wald wie jenem in Birnam, »Die Andere Welt Bühne« und hält der maßlosen Dummheit – der Regierung, der Regierten – etwas Kunst entgegen. Volkstheater nannte man das früher und nein, das heißt nicht Unterforderung, sondern dass das, was auf der Bühne passiert, klug und schnell und wild geschieht.
Kein Wunder also, dass die Strausberger Shakespeare auf den Spielplan gesetzt haben. Und weil die alte Geschichte von Romeo und Julia zu Missverständnissen einlädt und vorschnell an Kitsch und Musical und den jungen Leonardo DiCaprio denken lässt, hat man gut daran getan, sich mit der Fassung von Thomas Brasch zu behelfen, die den klugen Titel »Liebe Macht Tod« trägt. Macht ist in dieser Trias der Begriff, den die Bühnen oft vergessen.
Regisseur Paul Spittler, sonst auch an großen Theaterhäusern in Wien, Berlin und Dortmund tätig, vergisst hier nichts, sondern folgt ganz dem Text des wortgewaltigen Gesellschaftsanalytikers Brasch und seinem alten Lehrmeister, Genosse Shakespeare. Dass zwei sich lieben, ist nicht selten. Dass es nicht gutgeht mit der Liebe, das kommt vor. Dass aber das Haus Montague und das Haus Capulet verhindern wollen, wogegen doch eigentlich niemand etwas haben kann, das ist Politik – und geht uns also heute noch etwas an.
In postpandemischen Zeiten – ob Covid, Aids oder Pestilenz ist letztlich egal – ist das gesellschaftliche Leben noch immer zerrüttet, allen Aufbruchspredigten zum Trotz. Das Ganze geht volkstheatergemäß mit einfachsten Mitteln, aber überzeugungsstark über die Bühne. Ein entzückender Laienchor gibt das Volk, das hier zum Zeugen der Machtintrigen wird. Mit derbem Witz und markanter Figurenzeichnung fliegen uns die Verse entgegen. So nah kann Theater manchmal gehen, so aktuell (statt dröge aktualisierend), dass Berlin mitunter wie Provinz aussieht.
Noch theatertrunken gehe ich nach Vorstellungsende zum Bahnhof und hänge dem Traumgedanken nach, Theater wäre wieder Massenmedium wie in Shakespeares Tagen. Da versetzt mir ein Kerl, halb Kind, halb Mann, eine zur Hälfte geleerte Flasche Wodka in der Hand, aus dem nichts einen heftigen Tritt gegen das Schienbein, nur um mich eine Viertelstunde später um eine Zigarette anzubetteln. Manchmal muss Kunst wehtun.
»Ihr seid das Volk. Ich bins, der euch verhetzt. / Ich heiß: The Fool. Das wird nicht übersetzt«, hat Brasch zum Shakespeare hinzugedichtet. Ich will trotzdem daran glauben: Das Theater kann die Menschen klüger machen (nur eben nicht alle).
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1185360.genosse-shakespeare-fool-und-volk.html