nd-aktuell.de / 20.09.2024 / Berlin / Seite 1

Falsch geführte Debatten

30 Jahre antifaschistische Netzwerke in Brandenburg – was hat es gebracht?

Interview: Raul Zelik
Kampf gegen Rechts in Brandenburg – Falsch geführte Debatten

Sie haben in den 1990er Jahren ein Netzwerk von alternativen Jugendprojekten mitgegründet. Das Ziel war, die Rechte in den Brandenburger Kleinstädten zu stoppen. 30 Jahre später – was hat der Ansatz gebracht?

Selbstorganisierung war für uns der Weg aus der Ohnmacht. Es gab ja viele Orte, wo man sich überhaupt nicht bewegen konnte. Und es gab auch keine linken Strukturen, in die wir hätten hineinwachsen können. In Regionen, wo Jugendliche nach der Schule wegziehen, sind nachhaltige Strukturen einfach Mangelware. Die Organisierung hat es uns ermöglicht, uns weiterzuentwickeln. Ob wir den Nazis damit lokal etwas entgegengesetzt haben, ist schwer zu sagen. Man weiß ja nicht, wie es wäre, wenn wir unsere Projekte nicht gemacht hätten.

Sehen Sie Unterschiede zwischen Orten, wo sich – wie z.B. in Strausberg oder Neuruppin – selbstorganisierte Jugendzentren etablierten, und denen, wo das nicht gelang?

Auch das ist schwer zu sagen. Es hat ja nicht nur damit zu tun, was man selbst tut, sondern auch damit, was der Gegner macht und wie die allgemeinen Rahmenbedingungen aussehen. Dort, wo es funktionierende Infrastrukturen, zum Beispiel eine Anbindung an das Nahverkehrsnetz gibt, lässt sich Organisierung leichter aufrechterhalten. Ganz einfach deshalb, weil Leute zur Ausbildung nach Berlin pendeln und weiter vor Ort leben können. Umgekehrt können rechte Kader auf dem Land eine Gegend sehr schnell umkrempeln. Die AfD ist auch deshalb gerade so ein Problem, weil sie mit ihren Ressourcen Dinge in sehr kurzer Zeit kaputtmachen kann.

In der Linken wird wieder einmal eine polarisierte Debatte geführt. Die einen glauben, der Kampf gegen rechts sei vor allem ein Kulturkampf; die anderen meinen, es gelte, mehr auf die sozialen Nöte der Bevölkerung eingehen. Was stimmt?

Solche Debatte werden oft geführt, um jemanden für die eigene Ohnmacht verantwortlich machen zu können. Schon in den neunziger Jahren hieß es, Nazis seien wegen der Jugendarbeitslosigkeit Nazis. Das ist natürlich Quatsch. Richtig ist allerdings: Gesellschaftliche Ängste haben großen Einfluss auf politische Stimmungen. Meiner Ansicht nach lohnt es sich nicht, sich in Debatten über den »richtigen Weg« zu verhaken. In der Praxis stehen ja gar nicht allen Akteuren alle Wege zur Verfügung. Wir beispielsweise konnten damals alternative kulturelle Angebote schaffen, die in den Orten auch eine große Rolle gespielt haben. Umgekehrt hätten wir aber wenig unternehmen können, um der Angst vor Jugendarbeitslosigkeit etwas entgegenzusetzen.

Gegenkultur bleibt ein wichtiger Ansatz, wenn man sich damit nicht subkulturell isoliert?

In den Kleinstädten beobachten wir gerade, dass eine sehr junge Naziszene entsteht. Viele Angriffe werden von Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren verübt. Aber eine jugendkulturelle Gegenbewegung kann natürlich nur von Jugendlichen aufgebaut werden.

Was waren die zentralen Gründe für den Aufstieg der Rechten in Ostdeutschland?

Die Frage ist insofern falsch gestellt, als die Rechte global auf dem Vormarsch ist. Aber es gibt im Osten natürlich spezifische Phänomene. Wir führen gerade viele Haustürgespräche, und da merken wir, dass vielen Menschen die Bindung mit der Welt total abhandengekommen ist. Das, was den Menschen soziale Orientierung gegeben hat, wurde in den vergangenen 30 Jahren komplett zerstört. Aber das ist natürlich nur ein Grund unter vielen.