Als Frank Castorfs Intendanz an der Berliner Volksbühne 2017 durch einen Akt des Verrats – schuldig wie so oft: die Sozialdemokratie – ein unwürdiges Ende fand, wurde zum Schluss zur großen Feier auf den Rosa-Luxemburg-Platz geladen. Während die einen nostalgisch auf »ihre« Volksbühne zurückblickten, wurde an anderer Stelle allerdings schon die Kunst von morgen gefeiert: Am selben Abend, an dem mit einem Straßenfest in Berlin-Mitte eine Ära verabschiedet wurde, eröffnete das deutsch-norwegische Künstlerduo Vegard Vinge und Ida Müller ihr »Nationaltheater Reinickendorf« in einer Lagerhalle. »Das Theater sei die Schlinge« war am Premierenabend auf der Bühne zu lesen. Und das war es: den Zuschauer tief hineinziehend und im Zweifel lebensgefährlich.
Sieben Jahre wurden die beiden nicht mehr in deutschen Theatern gesehen. Nun sollen sie, zunächst für drei Jahre, die Leitung der Volksbühne übernehmen, wie zuerst der »Tagesspiegel« berichtete. So viel Mut, die unberechenbaren und von sämtlichen Skrupeln befreiten Künstler zu engagieren, war dem Berliner Kultursenator Joe Chialo kaum zuzutrauen, der sich durch sein strenges Spardiktat in der Theaterszene der Hauptstadt unbeliebt gemacht hat.
Der Regisseur und Schauspieler Vinge und die Bühnenbildnerin Müller arbeiteten seit 2008 an der Volksbühne und schafften es, ein junges, erlebnishungriges, aber nicht zwingend theateraffines Publikum anzuziehen. Ihre Kunst hat viel mit Rausch und Trips zu tun. Zwölfstündige Spektakel bis zum Morgengrauen, grelle Farben, schrille Töne. Und natürlich Vinges Markenzeichen: Kein Spektakel ohne Pisse und Scheiße. Es dürfte an der Volksbühne schon bald wieder erfreulich unkulinarisch zugehen.