Es ist leicht, in einer Welt der Grausamkeit abzustumpfen. Doch manche Meldung weiß noch immer zu schockieren: Seit dem Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 hat sich die Zahl antisemitischer Straftaten verzehnfacht, wie der »Tagesspiegel« berichtet. 3400 Verfahren zählt die Berliner Staatsanwaltschaft, dazu kommen noch Tausende weitere, zu denen die Polizei noch ermittelt.
Die Quantität des Hasses mag entsetzen, doch sie sollte den Blick nicht davon ablenken, dass hinter der Statistik Schicksale stehen. Wie das von Lahav Shapira, der von einem Kommilitonen krankenhausreif geprügelt wurde[1], weil er Jude ist und sich dafür, anders als von manchen gefordert, nicht schämt. Oder das der anonymen Jüdin, deren Haus in Prenzlauer Berg mit einem Davidstern markiert wurde. Oder das der Gläubigen der Synagogengemeinde Kahal Adass Jisroel in Mitte, auf die im Oktober vergangenen Jahres ein Brandanschlag[2] verübt wurde.
Zu oft werden derartige Attacken mit dem Verweis verharmlost, es handle sich bloß um Reaktionen auf das – zweifellos teilweise kritikwürdige – Vorgehen der israelischen Armee seit dem 7. Oktober. Doch die Argumentation hat einen Haken: Schon lange, bevor auch nur ein israelischer Soldat den Gazastreifen betrat, rollte die Welle der Angriffe los. Am 8. Oktober, als Helfer auf dem Gelände des Nova-Festivals noch die zerfetzten Leichen der Niedergemetzelten aufsammelten, hinterließen Sprayer an der East-Side-Gallery ihre Botschaft an die Hinterbliebenen: »Kill Juden«.
Nein, das ist keine Kritik an der israelischen Regierung, für die Berliner Juden wie zufällig ihren Kopf hinhalten müssen. Es ist die Wiederkehr eines Ressentiments, das im 20. Jahrhundert bereits einmal seine mörderische Konsequenz erfahren hat. Wer sich im Kampf um eine freie Welt sieht, ohne dies anzuerkennen, handelt heuchlerisch.