Ich bin mir nicht sicher, ob, um einer besseren Zukunft willen, lebenserfahrene und ältere Menschen wie ich sich nicht stärker gesellschaftlich engagieren sollten. Jedenfalls habe ich beschlossen, Influencer zu werden. Es ist eine Tätigkeit, die mir vergleichsweise lukrativ erscheint und die ich bequem von zu Hause ausüben kann.
Zuerst werde ich mich aber wohl rasieren müssen. Wir werden sehen. Ich würde dann immerhin ein bisschen jünger aussehen, als ich tatsächlich bin. Und ein wenig gepflegter. Ich habe den Verdacht, in unserer stockkonservativen Gesellschaft kommen sauber und adrett wirkende Personen, die keine Eigelb-Reste vom Frühstück in ihrem Rübezahlbart haben, grundsätzlich besser an, auch beim jugendlichen Massenpublikum.
Die Marktlücke, in die zu stoßen ich beabsichtige, ist »Ideologiekritisches Influencing« (»II«), das ich soeben erfunden habe und für das ich umgehend Markenschutz beantragen werde: Hashtag »#dasganzeistdasunwahre«. Der Leitgedanke meiner Influencertätigkeit soll sein: »Hoffnung auch nur zu denken, frevelt an ihr und arbeitet ihr entgegen« (Adorno[1], »Negative Dialektik«, S. 394).
Auf meinem Youtube-, meinem Tiktok- und meinem Instagram-Kanal werde ich keine Konsumprodukte in die Kamera halten oder meine Follower mit schriller Stimme und exaltiertem Gehampel zu deren Erwerb animieren, sondern lange und anstrengende Vorträge halten, in denen es hauptsächlich um die verwaltete Welt, das beschädigte Leben und die Eliminierung des Nichtidentischen gehen wird und in denen ich mit zerfurchter Stirn und leiernder Stimme vom Kauf von Erzeugnissen, welcher Art auch immer, stark abrate: »Konsumprodukte sind nichts anderes als Zivilisationsmüll mit Preisschild, und der irrationale Kaufakt, mit dem sie erworben werden, ist im Grunde – nicht anders als das Amüsement – die Verlängerung der Arbeit unterm Spätkapitalismus.« Influencer-Marketing also mal ganz anders!
Die Vorträge werden musikalisch eingeleitet durch eine Kakophonie aus Freejazz-Passagen aus Peter Brötzmanns Frühwerk[2], ausgewählter Zwölftonmusik und fiesen Rückkopplungsgeräuschen. Der Vorspann wird verwackelte und unvorteilhafte Selfies von mir zeigen, die bei absoluter Finsternis gemacht wurden und auf denen praktisch nichts zu erkennen sein wird.
Ich bin sicher, so einen Approach hat noch keiner, wodurch ich in der Influencer-Szene ein sogenanntes Alleinstellungsmerkmal haben werde, was wiederum meine Popularität extrem befeuern wird.
Da es sich in der Vergangenheit als unverzichtbar für erfolgreiches Influencing erwiesen hat, dass die Follower an dem gesamten Prozess beteiligt und bei der Stange gehalten werden, werden auf meinen Kanälen auch regelmäßig Zuschauer-Votings, Abstimmungen und Quiz-Spiele zu spannenden Fragen veranstaltet: »Leben im Spätkapitalismus: Weitervegetieren oder Suizid?« beispielsweise. Oder: »Welche Art Depression ist die derzeit angesagteste? a) die endogene, b) die neurotische oder c) die reaktive?« Zu gewinnen gibt es nichts. Man kann nur verlieren. Wie im richtigen Leben auch.
Es wird natürlich auch einen zwei Mal täglich produzierten mehrstündigen Video-Podcast geben, in dem ich, unbeweglich in einem kahlen trostlosen Raum stehend, der von einer schäbigen flackernden Neonröhre an der Decke beleuchtet wird, mit Leichenbittermiene ausdauernd den gegenwärtigen Weltzustand benörgle und ausschweifend erkläre, warum in Zukunft alles sehr bitter und hässlich werden und noch der winzigste verbliebene Rest an aufgeklärtem Bewusstsein aussterben wird. Oder ich lese, während der Bildschirm schwarz bleibt, einfach stundenlang aus dem Roman »Die Riesenzwerge« von Gisela Elsner[3] vor. Selbst dann noch, wenn nachweislich niemand mehr zuhört, denn das erhöht den Grad an Sinnlosigkeit.
Zum Beginn und zum Abschluss jeder Episode des Podcasts wird ein sogenannter Jingle (eine kurze Tonfolge oder ein akustisches Signal mit Wiedererkennungswert) abgespielt: ein quälend langes, schwer erträgliches Auffahrunfallgeräusch.
Für meine Follower und Fans werde ich dann ein fester Bestandteil ihres Lebens sein. Wie eine Daily Soap, die sie nicht versäumen wollen: Welche neuen Erkenntnisse über den erbärmlichen Weltzustand teilt er heute Nachmittag mit uns? Welche Mahlzeit hat ihm heute nicht geschmeckt? Wie viele Tage haben wir noch, bis wir gleichgeschalteten Individuen mit unseren standardisierten Meinungen vollständig ins spätkapitalistisch-präfaschistische System integriert sind? Werden wir überhaupt morgen noch da oder bereits von der Apokalypse vernichtet worden sein?
Nicht ausgeschlossen, dass die jungen Leute meinen Ansatz fresh finden werden. Und wenn alles läuft wie vorgesehen, entwickelt sich ganz nebenbei mein crazy Lifestyle (zusammengekrümmt in der Ecke kauern, jammern, deprimierende Bücher lesen) zum neuen Trend. »#youonlyliveonce« ist out, »#daslebenlebtnicht« ist in. Sicher ist jedenfalls: Ich werde künftig total nah dran sein an den Kids.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1186844.die-gute-kolumne-hashtag-daslebenlebtnicht.html