Uli Stielike ist gerade 70 geworden. Der eine oder andere wird sich an das Jackett erinnern, mit dem er mal als Ko-Trainer der deutschen Nationalmannschaft auftrat, ein Stück von erlesener Scheußlichkeit. Angesichts dieses modischen Desasters ist ein wenig in Vergessenheit geraten, dass Stielike auch ein außerordentlich guter und erfolgreicher Fußballspieler war. Europameister, Vize-Weltmeister, zweimal Uefa-Cup-Sieger, je dreimal Deutscher und Spanischer Meister.
Nur mit der Champions League[1], die damals noch Europapokal der Landesmeister hieß, wollte es nie klappen. Zweimal stand er im Finale. Beide Male ging er als Verlierer vom Platz, zuletzt im Mai 1981 mit Real Madrid gegen den FC Liverpool. Gerade erst hat Stielike erzählt, dass ihm diese Niederlage schwerer zusetzte als jene im WM-Finale gegen Italien ein Jahr später. An diesem Mittwoch kommt das Spiel zwischen Liverpool[2] und Real zur Wiederaufführung, als verspätetes Geschenk zu Stielikes 70. Geburtstag, wenn auch nur in der Vorrunde des europäischen Fußballzirkus.
Das Duell vor 43 Jahren im Pariser Prinzenpark war das erste überhaupt zwischen den beiden europäischen Schwergeschichten. Das heißt: Ein richtiges Schwergewicht war Real damals nicht. Der letzte Sieg im Landesmeister-Cup lag 15 Jahre zurück, seitdem hatte es nicht mehr zu einer Finalteilnahme gereicht. Vielleicht war das der Grund für die seltsame Taktik, die Real in Paris wählte, wenn es denn stimmt, was der große Mittelstürmer Carlos Santillana später mal ausplauderte: »Der Plan war, auf 0:0 zu spielen und ins Elfmeterschießen zu kommen.«
Das war keine besonders gute Idee, und es sah auch nicht besonders schön aus, was Real auf den Platz brachte. Die Spanier zogen sich tief in die eigene Hälfte zurück und überließen die Gestaltung den sichtlich überraschten Engländern, die ihre große Zeit schon hinter sich hatten und in der Meisterschaft nur auf Platz fünf gelandet waren. Real erspielte sich eine einzige Chance. Diese wurde kläglich vergeben von José Antonio Camacho, der in seiner Kernkompetenz als Abwehrspieler ohnehin für das Verhindern von Toren zuständig war.
Dass es auch anders geht, zeigte auf der Gegenseite Alan Kennedy, auch er ein Verteidiger, über den Liverpools Trainer Bob Paisley mal sagte: »Ich glaube, sie haben den falschen Kennedy[3] erschossen!« Zum Glück für die Reds blieb er danach noch ein paar Jahre an der Anfield Road und schoss in zwei Europapokal-Endspielen das entscheidende Tor. Als ihm in Paris kurz vor Schluss der Ball vor die Füße sprang, nutzte der vermeintlich falsche Kennedy die Gunst des Augenblicks, schlängelte sich zwischen zwei Spaniern hindurch und drosch den Ball aus spitzem Winkel mit dem linken Fuß zum 1:0 ins Netz.
Uli Stielike hatte am Strafraumeck beste Sicht auf das Unheil und schlug sofort die Hände über dem Kopf zusammen. Er blieb noch vier Jahre in Madrid und gewann zum Abschied 1985 den Uefa-Cup. Aber in die Nähe eines Triumphes im ganz großen Fußballzirkus sollte er nie wieder kommen.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1187095.zirkus-europa-uli-stielikes-schlimmste-niederlage.html