nd-aktuell.de / 29.11.2024 / Kultur / Seite 1

Kulturbeschneidung

In Berlin ist man großer Fan der Beschneidung. Vor allem, wenn es um die Kultur geht

Alexander Estis
Ist es wertvoll, aber zu teuer? Schneiden wir es weg!
Ist es wertvoll, aber zu teuer? Schneiden wir es weg!

Die Beschneidung ist für das Judentum wichtig. Dennoch, muss ich gestehen, bin ich gegen die Beschneidung. Wobei es allerdings darauf ankommt. Worauf? Darauf, wer beschnitten wird. Und nicht nur darauf kommt es an, sondern noch auf etwas anderes. Worauf? Darauf, wer beschneidet. Und noch auf etwas Drittes kommt es an, wenn nicht sogar auf etwas Viertes. Worauf? Darauf, was beschnitten wird.

Was wird beschnitten? Beschnitten wird zum Beispiel das Budget. Und von wem? Noch nicht einmal von einem Mohel, was noch anginge, aber noch nicht einmal von einem frommen Juden, was schon nicht mehr anginge, ja noch nicht einmal überhaupt von einem Juden! Sondern von irgendwelchen ganz fremden Menschen in irgendwelchen unbekannten Ministerien.

»Müller, hören Se ma, die Juden beschneiden doch immer, und sogar die Moslems beschneiden och und vermutlich die Muslime jenauso. Woll’n wa nich och ma wen beschneiden? Schließlich sind wa ’ne Verwaltung!«

»Wenn Se dit so sajen, Schulze, dann is dit ja glatt unjerecht, wenn wa nich och ma wat beschneiden dürfen täten, wa, vor all’m so als Verwaltung!«

»Sehn Se, darum sag ich’s doch!«

»Ja, und wen woll’n wa jetze beschneiden?«

»Na, die Kultur, Müller, die Kultur!«

Da ist der Weg vom Entscheiden bis zum Beschneiden nicht weiter als der von dem einen Wort zum andern, und wenn er weiter wäre, hätte man ihn längst beschnitten.

So oder so: Im Fall der Kultur, muss ich gestehen, bin ich gegen Beschneidung. Eine solche Beschneidung ist irgendwie nicht koscher. Obwohl natürlich keine Beschneidung koscher ist, weil es bei einer Beschneidung nicht ums Essen geht, es sei denn, du gehörst selbst irgendwie mit zur Kultur, weil dir dann vielleicht dein Essen beschnitten wird. Und dann wird dir dein Essen auch noch falsch beschnitten. Vom Rettich wird nicht das Grün beschnitten und von der Gurke nicht der Poppes und vom Fisch nicht der Kopf, obwohl der Fisch bekanntlich vom Kopf her stinkt und also vielleicht nicht stinken würde, wenn man den Kopf beschnitte und einen anderen Kopf dranmachte, der dann auch besser entschiede, was beschnitten wird und was nicht.

»Wissen Se was, Müller, wir beschneiden einfach alle, und dann soll’n se sehn, wo se bleiben!«

»Alle gleich?«

»Alle gleich. Schließlich sind wir eine Verwaltung. Aber einje besonders. Und davon wieder einje noch besonderer.«

»Is jut. Wen denn so?«

»Diese eene Oper zum Beispiel, die is doch ohnehin komisch!«

Es kommt also nicht nur darauf an, wer beschnitten wird und was beschnitten wird und von wem, sondern auch darauf, womit. Beschneiden muss man nämlich mit dem Kopf, und zwar nach Möglichkeit mit einem, der nicht stinkt.

Aber es kommt noch immer auch darauf an, was beschnitten wird. Es wird ja nicht nur das Budget beschnitten, sondern mit ihm auch noch der Etat. Und schon der Sonnenkönig sagte: Der Etat – das bin ich! Wollte der Sonnenkönig beschnitten werden? Ich glaube nicht. Außerdem hatte er vielleicht alle möglichen Bediensteten, aber sicherlich keinen Mohel. Und auch sonst war er ein ziemlich gojischer König. Warum hätte er also beschnitten werden wollen?

So oder so: Wenn der Etat beschnitten wird, aber der Etat ich bin, dann werde ich beschnitten – und das finde ich gar nicht gut, besonders wenn ich ohnehin schon genügend beschnitten bin, durch den Mohel und durch das Leben. Dabei steht doch geschrieben: »Wonne, das ist die Beschneidung, denn es heißt: Ich bin voll Wonne über deine Worte.« Was nun aber, wenn die Worte auch beschnitten werden und mit den Worten die Sprache und mit der Sprache die Geschichten und mit den Geschichten auch die
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Kultur?