Die jährliche Vorstellung des Igel-Reports verläuft nach bekanntem Muster: Es geht jeweils darum, welche Selbstzahlerleistungen, offiziell Individuelle Gesundheitsleistungen (Igel) genannt[1], von gesetzlich Versicherten in Anspruch genommen wurden und welche Probleme das mit sich bringt. Der Medizinische Dienst Bund (MD) unterhält zur Information online den »Igel-Monitor«.
Auch bei dem am Dienstag vorgestellten Report zeigte sich, dass in ärztlichen Praxen Leistungen verkauft werden, bei denen der mögliche Schaden den Nutzen überwiegt. Am häufigsten in Anspruch genommen wurden, auf Platz 1 einer Top-10-Liste, zwei Ultraschalluntersuchungen für Frauen, nämlich die der Eierstöcke[2] und der Gebärmutter, zum Zweck der Krebsfrüherkennung.
Beide Leistungen wurden vom Igel-Monitor als negativ oder tendenziell negativ bewertet. Auch das ist nicht neu. Hier kommt es häufig zu falsch-positiven Ergebnissen. Diesen folgen unnötige weitere Untersuchungen und Eingriffe, die Patientinnen eben auch schaden können, wie MD-Vorstand Stefan Gronemeyer betont.
Selbst gynäkologische Fachgesellschaften raten seit Jahren von dem Angebot ab, was aber an der Häufigkeit der Nutzung bislang nichts änderte. Eine neue englische Studie zeigt noch einmal das Problem: Frauen, die eine Ultraschall-Früherkennung absolvieren, haben ein 3,5 Mal erhöhtes Risiko für die unnötige Entfernung ihrer Eierstöcke – im Vergleich zu Frauen, die diese Sonografie nicht wahrnahmen. Todesfälle in Folge von Eierstockkrebs wurden durch die Untersuchung nicht verhindert.
Nun könnten Frauen auch in Kenntnis dieser Hintergründe sagen, dass sie trotzdem die Untersuchung wahrnehmen wollen. Damit haben die MD-Vertreter kein Problem. Bei dem Thema der umfassenden, unabhängigen Information der Patienten bedauert Gronemeyer aber, dass die geplante Reform der Patientenrechte nicht mehr umgesetzt wurde. Damit fehlt es an verpflichtenden Kriterien für die nötige Patienteninformation.
Die für diesen Report durchgeführte repräsentative Befragung brachte jedoch ein Ergebnis, mit dem auch der MD in der Höhe nicht gerechnet hatte: Mindestens 2,4 Milliarden Euro pro Jahr geben gesetzlich Versicherte insgesamt für in der Regel umstrittene Leistungen aus. Das ist eher noch unterschätzt, da nur Versicherte zwischen 18 und 80 Jahren befragt wurden.
In der Befragung hatten die meisten Teilnehmenden den genauen Preis für ihre Igel parat, nur die wenigsten mussten schätzen. Jedoch fühlte sich nur etwa jeder vierte Versicherte gut informiert. Zwei von drei Befragten gingen von der falschen Annahme aus, dass die Selbstzahlerleistungen medizinisch notwendig waren. In den südlichen Bundesländern war die Inanspruchnahme am höchsten, in den östlichen am niedrigsten. Ein Stadt-Land-Gefälle war nicht festzustellen. Frauen nehmen die Angebote häufiger an als Männer.
Neben der unzureichenden Infomation über medizinisch nicht Notwendiges gibt es noch ein anderes Problem, auf das der AOK-Bundesverband hinweist: Zwischen langen Wartezeiten für einen Facharzttermin und dem hohen Anteil von Igel-Angeboten (bei den Hautärzten kommen nur noch 48,6 Prozent der Gesamteinnahmen aus der Abrechnung von Kassenleistungen) besteht ein Zusammenhang. Die Kapazitäten für die Selbstzahlerleistung fehlen dann in der vertragsärztlichen Versorgung.