nd-aktuell.de / 05.12.2024 / Kultur / Seite 1

International Music: Alles, was du willst

Musik kann so einfach sein: International Music zeigen auf ihrem neuen Album »Endless Rüttenscheid«, wie das geht

Luca Glenzer
Melodie & Rhythmus: International Music
Melodie & Rhythmus: International Music

Wenn alle sich einig sind, ist bekanntermaßen Vorsicht geboten – eigentlich. Denn es gibt wohlbegründete Ausnahmen: So im Falle von International Music, die 2018 mit ihrem Debütalbum »Die besten Jahre«[1] über Nacht zum Liebling von Kritik und Publikum wurden, und das völlig zu Recht. Vergleiche mit F.S.K., Trio, Velvet Underground oder gar Freddy Quinn wurden damals gezogen. Man konnte in der Musik sehen, was man sehen wollte: Schwermut und Ausgelassenheit, Reduktion und Komplexität, Dada und Tiefsinnigkeit – eine Projektionsfläche der unerfüllten Sehnsüchte eben. Und auch auf ihrem 2021er-Nachfolger »Ententraum« wandelte die Band stilsicher wie eigenwillig zwischen Post Punk, Psych Pop und Folk-Elementen.

Nun, drei Jahre später, folgt mit »Endless Rüttenscheid« Album Nummer drei. Und erneut dominieren stoisch-krautige Schlagzeugrhythmen, verzerrte Shoegaze-Gitarren und hypermelodische Harmoniegsänge, wie sie in dieser Unnachahmlichkeit eben nur Peter Rubel und sein kongenialer Partner Pedro Goncalves Crescenti zu singen vermögen. In einem Nebenprojekt firmieren die beiden auch als Düsseldorf Düsterboys[2] (aus der Stadt Essen), bei International Music ist ausserdem noch der Schlagzeuger Joel Roters dabei. Bereits der Opener »Kraut« macht seinem Namen alle Ehre, während die beiden Frontmänner im Refrain Byrds-like schmachten: »Wenn du willst, mal ich dir ein Bild.« Man will, und wieder vereint dieses »Bild« alles, was man eben sehen möchte.

Hört man ihre Musik, ist man mitunter geneigt zu denken, dass diese Musik eigentlich keine ganz so schwierige Angelegenheit sein kann. Alles, was man dafür braucht, so scheint es, ist der richtige Rhythmus, gepaart mit der passenden Melodie. Doch der Eindruck trügt: Denn wenn es gut läuft, haben Bands meist entweder das eine oder das andere. Ein guter Rhythmus kann einen die Nacht durchtanzen lassen, die passende Melodie dafür sorgen, dass man am nächsten Morgen nach drei Stunden Schlaf dennoch pfeifend das Bett verlässt.International Music, das ist der Clou, haben beides: Melodie und Rhythmus, Groove und Catchiness.

So wie auch in der Vorabsingle »Guter Ort«, die nicht nur ein gutes, sondern ein überragendes Stück Musik ist. New-Wave-mäßig erklingt der Beat im Zusammenspiel mit der redundanten Melodie, die ausnahmsweise nicht von der Gitarre, sondern von einem Synthesizer gespielt wird. Im Refrain dann heißt es: »Hier ist ein guter Ort zu leben.« Wo auch immer das sein mag, man landet mit dem darauffolgenden Psych-Folk-Stück »Karma Karma« weich. Einmal mehr unterstreicht die Band darin auch ihre Fähigkeit, Texte nicht als Geschichten, sondern als Bilder zu schreiben. Es gibt keine Handlungsabläufe, keinen roten Faden, keinen Kreis, der sich am Ende schließen würde. Nur flüchtige Eindrücke und Farben: »Und immer wieder fällt das Alte auseinander/Und immer wieder blüht das Neue irgendwo auf«.

Anders als die beiden überlangen Vorgänger ist »Endless Rüttenscheid« mit 40 Minuten vergleichsweise kurz geraten. Ein Nachteil ist das nicht, im Gegenteil: Jeden überflüssigen Ballast hat die Band über Bord gekippt. Was bleibt, sind zwölf Songs und das bisher beste, weil kompakteste Album der Band, das so schnell garantiert nicht auseinanderfallen, sondern über Jahre Bestand haben wird.

International Music: »Endless Rüttenscheid« (Timeless Melancholic Music/H’Art)

Links:

  1. https://www.nd-aktuell.de/artikel/1090462.frauen-muessen-geil-sein.html?sstr=international|music
  2. https://www.nd-aktuell.de/artikel/1167465.duesseldorf-duesterboys-kleiner-kiesel-wo-gehtrs-lang.html?sstr=düsseldorf|düsterboys