Es gongt aus dem Lautsprecher, eine weibliche Stimme verkündet: »Es ist 21 Uhr, jetzt beginnt das textilfreie Schwimmen. Bitte legen Sie die Badekleidung ab oder verlassen Sie den Badebereich!«
Stuttgart, letzter Samstag im November. Ich bin seit 10 Uhr vormittags in der Stadt. Eine Einladung ins Theater führt mich in den Süden, ich soll für eine spannende Produktion[1] von den 80er Jahren in der DDR erzählen. Auf der Hinreise ist ein Stopp in Magdeburg geplant, wo mein Fußballverein die Alte Dame aus der Hauptstadt[2] empfängt. Es geht bereits Freitagmittag mit heiteren Hertha-Fans im Regio nach Magdeburg und über die neue Elbbrücke zum Heinz-Krügel-Stadion, wo wir auf einem matschigen Parkplatz Punsch und Bier trinken, in der Arena sprachlos einem 1:3 zusehen und es anschließend auf dem Weihnachtsmarkt bei Glühwein zu vergessen suchen, bis mein Zug sich nachts auf den Weg nach Stuttgart macht.
Ab Bochum halten Fans des VfL die Reisenden wach – mit Gesängen, die ihnen am Nachmittag in Augsburg vergehen sollen. Da bin ich schon lange durch Stuttgart gelaufen, habe Gänse im Schlossgarten erspäht, ein Riesenrad, steinerne Hirsche und Engel, die riesige Aufschrift »ALL SYSTEMS FAIL[3]«, Schlösser, Paläste und Museen. Ich sehe das »Triadische Ballett[4]« des Bildhauers Oskar Schlemmer, Werke von Grosz, Feininger und Modersohn-Becker, schlurfe durch das opulente Haus der Geschichte und werde bei meinem Vortrag langsam wieder munter.
Ein paar U-Bahnstationen führen mich in den Süden. Auf dem Neckar schlafen ein paar Dutzend Möwen, am Canstatter Ufer thront ein Zirkus. Gegenüber liegt ein Thermalbad ungewöhnlichen Ausmaßes und dampft in den Nachthimmel. Nach Budapest stellen die Stuttgarter Mineralwasser das zweitgrößte Vorkommen in Europa dar, allein drei Quellen speisen das Leuze[5]. Für 21 Euro kann hier den ganzen Tag auf 1800 Quadratmetern geschwommen werden, Sauna inklusive. Die Außenbecken haben 20 und 24 Grad warmes Wasser, dazu kommen mehrere Badelandschaften, Sole-Becken, Whirlpools, das Kinderland und eine riesige Sauna.
Die ersten Stunden verbringe ich schwimmend und bestaune die blauen Metallstreben des Glaskastens – das Bad ist ein Gesamtkunstwerk[6] der Architekten Geier und Geier und des Künstlers Otto Herbert Hayek. Im dreistöckigem Erweiterungsbau[7] der Sauna probiere ich die duftende Zedernsauna und den Schneeraum überm Sonnendeck aus. Holzstämme stehen in einer Fototapeten-Winterlandschaft, Klimpermusik läuft, mein Zeigefinger klebt an der Glasscheibe fest. Ich bin allein im Schnee, sehe Leute zur Panoramasauna strömen, zur vollen Stunde gibt es Aufguss. Zeit, das Tepidarium[8] zu besuchen und eine der Mosaiksteinliegen zu erhaschen.
An neun ist Nacktschwimmen angesagt. Ich lasse mich in einen Whirlpool sinken. Wir sind mehr als zehn Gäste, die Blubbern und Farbwechsel genießen. Draußen ist Nacht, wir spiegeln uns in den Glasplatten an der Decke. Eine Badewärterin kommt und kontrolliert unsere Nacktheit in der Spiegelung, ein Mann muss sich der Badekleidung entledigen. Noch zwei Stunden bis zum Nachtzug nach Berlin.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1187345.ueber-wasser-nacktschwimmgebot.html