nd-aktuell.de / 08.12.2024 / Politik / Seite 1

Wiedereröffnete Kathedrale Notre-Dame strahlend wie nie

Nur fünf Jahre nach verheerendem Brand wurde die weltberühmte Pariser Kathedrale wiedereröffnet

Ralf Klingsieck, Paris
Erste Messe nach fünfeinhalb Jahren Bauzeit am Sonntag in der Kirche Notre Dame de Paris, deren Innenraum dank Spezialreinigung aller Oberflächen so hell ist wie seit Jahrhunderten nicht mehr
Erste Messe nach fünfeinhalb Jahren Bauzeit am Sonntag in der Kirche Notre Dame de Paris, deren Innenraum dank Spezialreinigung aller Oberflächen so hell ist wie seit Jahrhunderten nicht mehr

Nach nur fünf Jahren, wie es Präsident Emmanuel Macron am Abend des Brandes am 15. April 2019[1] versprochen hatte, wurde die Kathedrale Notre-Dame de Paris am Wochenende wiedereröffnet. Die erste Messe wurde am Sonntagmorgen gelesen. Am Vorabend waren zur Eröffnungszeremonie mit 3000 geladenen Gästen auch mehr als 40 Staats- und Regierungschefs gekommen. Unter ihnen befanden sich auch der designierte US-Präsident Donald Trump und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj[2], die vor den Feierlichkeiten von Macron zu einem vertraulichen Gespräch im Elysée-Palast zusammengeführt wurden. Während der Eröffnungszeremonie erhielt Selenskyj langanhaltenden Applaus, vergleichbar mit jenem für die Feuerwehrleute.

In seiner Rede während der Zeremonie in der Kathedrale, zu der neben den Staatsgästen auch Feuerwehrleute und Vertreter der verschiedenen Gewerke der Baustelle eingeladen waren, betonte Macron »die Dankbarkeit der Nation denen gegenüber, die Notre-Dame gerettet und wiederaufgebaut haben«. In Anspielung auf die gegenwärtige Regierungskrise[3] betonte er, dass der Wiederaufbau aller Welt demonstriere, »wozu eine große Nation in der Lage ist: das Unmögliche zu schaffen«.

Die Ursache für den Brand konnte bis heute nicht ermittelt werden. Klar wurde aber, dass Personal und Technik für den Brandschutz seinerzeit nicht zu den Prioritäten gehörten, weder bei den Kirchenverantwortlichen noch beim Staat. Der Staat ist seit der Französischen Revolution von 1789 und der Nationalisierung allen Kirchenbesitzes verantwortlich für die Erhaltung der 87 Kathedralen des Landes, während die Kirchen in die Zuständigkeit der Kommunen fallen.

Als am Abend des 15. April 2019 die Feuerwehrleute aufgrund eines falsch gedeuteten »Fehlalarms« erst mit mehr als halbstündiger Verspätung bis zum Dachstuhl vordrangen, loderten dort Flammen und breiteten sich schnell aus. Es dauerte nur Minuten, bis das Feuer die Bleiplatten des Daches zum Schmelzen gebracht hatte. Tausende Pariser und Touristen wurden Augenzeugen, wie das Feuer durch das Dach züngelte und immer größere Teile davon erfasste. Ein Aufschrei ging durch die Massen, als um 19.50 Uhr der wie eine Fackel brennende Spitzturm, der über der Kreuzung von Längs- und Querschiff gestanden hatte, einstürzte und an zwei Stellen das Dach der Kathedrale und darunter die hohen gotischen Kreuzgewölbe durchschlug.

Der brennende Spitzturm stürzte wenig später in den Dachstuhl der Kirche, nachdem diese am 15. April 2019 Feuer gefangen hatte.
Der brennende Spitzturm stürzte wenig später in den Dachstuhl der Kirche, nachdem diese am 15. April 2019 Feuer gefangen hatte.

Bis zu 400 Feuerwehrleute waren im Einsatz, aber die engen Straßen um die Kathedrale setzten ihrer Technik Grenzen. Ein Löschflugzeug einzusetzen kam nicht infrage, weil die Außenmauern dem schlagartigen Druck des Wassers nicht standgehalten hätten. Auch einer der beiden Glockentürme war längst nicht so stabil, wie er aussah, denn auch hierher waren Flammen vom Dachstuhl des Längsschiffes vorgedrungen.

Experten schätzten später, dass es eine Frage von weniger als einer Stunde war, bis das Feuer so viele tragende Balken vernichtet hätte, dass der Turm und mit ihm große Teile des gesamten Baus eingestürzt wären. Doch nach zehnstündigem Kampf war der Brand in den frühen Morgenstunden gelöscht und Notre-Dame stand noch.

Erste Probleme bereitete die Luftbelastung durch Blei vom verbrannten Dach der Kathedrale. Das erforderte anfangs Schutzanzüge und zeitweise Atemschutzmasken. Dann kam die Corona-Epidemie und bremste die Rekonstruktion. Es dauerte allein zwei Jahre, um die Kathedrale so weit zu sichern, dass sie nicht einstürzen konnte. Besonders gefährdete Partien der Umgebungsmauern wurden durch Holzkonstruktionen verstärkt und gestützt, ebenso die 32 ausladenden Strebebögen, die seitlich den Druck der Wände und des Daches bis zum Boden ableiten.

Zwei der sieben Kreuzgewölbe des Längsschiffs waren aufgerissen. Doch die sich kreuzenden selbsttragenden Rippen waren nicht beschädigt, nur das Mauerwerk dazwischen. So konnten weiter die Druck- und Schubkräfte gleichmäßig auf die Pfeiler in den Ecken abgeben werden und keines der Gewölbe brach zusammen.

2022 konnte endlich mit dem eigentlichen Wiederaufbau begonnen werden. Zu diesem Zeitpunkt war auch die Diskussion darüber beigelegt, ob die Kathedrale etwa einen neuen Spitzturm in Form eines Leuchtturms bekommen sollte. Man entschied sich für einen originalgetreuen Wiederaufbau entsprechend dem Zustand, wie er im Zuge der großen Restaurierung unter Leitung des Architekten Eugène Viollet-Le-Duc im 19. Jahrhundert geschaffen worden war. Dazu trug sicher die Mahnung der UN-Kulturorganisation Unesco bei, die daran erinnerte, dass die Kathedrale seit 1991 auf der Weltkulturerbeliste steht und nicht verändert werden darf.

Für den Wiederaufbau war es ein großes Glück, dass in den Jahren vor dem Brand mehrere Wissenschaftler für ihre Dissertationen über Denkmalschutz oder Architekturgeschichte sowohl die Wände und Säulen als auch den hölzernen Dachstuhl bis ins Detail vermessen und in dreidimensionalen digitalen Modellen dokumentiert hatten. Ihre Grafiken und Daten dienten jetzt als Grundlage für die Wiederaufbaupläne. Gleichzeitig legten die Schreiner und die Steinmetze Wert darauf, so weit wie möglich mit historisch überlieferten Methoden zu arbeiten und nur ausnahmsweise mit heutiger Technik.

Die Baustelle auf der Pariser Stadtinsel, der »Île de la Cité« im Juli 2021
Die Baustelle auf der Pariser Stadtinsel, der »Île de la Cité« im Juli 2021

Da man die durch jahrhundertealten Staub und den Ruß des Brandes geschwärzten Wände und Gewölbe weder mit Wasser noch mit Druckluft oder Sandstrahl reinigen konnte, wurden die Steine dick mit Latex eingestrichen, das trocknete und dann mitsamt der Schmutzschicht abgezogen werden konnte. Dadurch erstrahlen die Wände heute so hell und sauber wie vielleicht noch nie. Insgesamt wurde auf diese Weise eine Fläche von 42 000 Quadratmetern gereinigt.

Von den Fabelwesen außen an der Fassade, die Victor Hugo im »Glöckner von Notre-Dame« so anschaulich beschrieben hatte, waren einige durch den Brand beschädigt, aber mehr noch im Laufe der Zeit verwittert. Darum wurden viele bei dieser Gelegenheit neu geschaffen. Auch beschädigte Figuren der hölzernen Wandverkleidungen wurden neu geschnitzt und die beim Brand rechtzeitig in Sicherheit gebrachten Gemälde sämtlich gereinigt und viele restauriert.

Wie durch ein Wunder wurde beim Brand keines der vielen Glasfenster in Mitleidenschaft gezogen. Doch die Zeit und die Mittel wurden genutzt, um sie, wo nötig, in verschiedenen Kunstglasereien – davon eine in Köln – reinigen und, wo nötig, überholen zu lassen, bevor sie wieder eingebaut wurden. Die große Orgel der Kathedrale hatte beim Brand nicht gelitten, sondern war nur durch Ruß verschmutzt. Sie wurde mit ihren 8000 Pfeifen und der Gebläsemechanik komplett demontiert, bei einer Orgelbaufirma gereinigt und dann wieder eingebaut. Auch die Glocken waren unbeschädigt geblieben, wurden aber ebenfalls ausgebaut und in einer Glockengießerei gereinigt und aufpoliert.

Links:

  1. https://www.nd-aktuell.de/artikel/1138031.mehr-symbol-als-kathedrale.html
  2. https://www.nd-aktuell.de/artikel/1187285.ukraine-krieg-ukraine-lauter-ruf-nach-der-nato.html
  3. https://www.nd-aktuell.de/artikel/1187348.eu-krise-in-frankreich-europa-n-orientierungslos.html
Wie durch ein Wunder wurde durch den Brand keines der wertvollen Glasfenster der Kirche in Mitleidenschaft gezogen. Hier ist das westliche Rosettenfenster über der Orgel zu sehen.
Wie durch ein Wunder wurde durch den Brand keines der wertvollen Glasfenster der Kirche in Mitleidenschaft gezogen. Hier ist das westliche Rosettenfenster über der Orgel zu sehen.