Seltsam: Just das, was bleibt, führt einem mitunter besonders heftig die Vergänglichkeit vor Augen – Bestandskraft hat bisweilen auch etwas Erstarrenmachendes. Ihre Prinzessin im Defa-Klassiker »Das singende klingende Bäumchen« – das bleibt eine unvergesslich schöne, raffiniert absichtsvolle Schnulzenverpuppung. Dieses schmollböse, arroganttrotzige Adelsgör im wallenden Blond: Kanzelt Prinz und Bären, also den Prinzen im Bären kalt ab, gewinnt jedoch mählich, im Wundweh der Selbsterkenntnis, einen charakterglänzenden Liebreiz, und die hässlichen Strähnen werden wieder bezaubernd. Das war vor weit über 60 Jahren, 1957 um genau zu sein.
Christel Bodenstein konnte das bezaubernd, keck spielen: wie ein Mensch von Reinheit überwältigt wird, mitten in den Gegenwinden, mitten in den Eiseskörnern des Profanen. Sie agierte in den 60ern zweimal an der Seite von Manfred Krug, und es sah für Momente so aus, als habe Babelsberg etwas vom Traumpaar-Marketing begriffen: »Revue um Mitternacht«, ein Singtanzspiel, und »Beschreibung eines Sommers«. Wie Jahreszeiten-Philosophie: Frühling ist Werden, Herbst Vergehen, ist also Bewegung; dazwischen steht der Sommer, er steht wirklich, steht heiß, unter der Wucht der Sonne; und aller energiesparender Stillstand, zu dem die Hitze unbedingt rät, ist für kurze Zeit – schön.
Nach dem Erfolgsroman von Karl-Heinz Jakobs entstand jener »Sommer«-Film von Ralf Kirsten[1], der ebenfalls ein Magnet wurde: Der Ingenieur und die Schöne; die Schöne und das blöde Biest der Disziplin. Der Film wirkt im Nachhinein, nicht nur durch beide Hauptdarsteller, wie ein Vorgänger von »Spur der Steine«. Dieses Rebellische, diese Flucht aus den Ordnungsritualen, diese Störungslust wider allen parteigrauen Eifer der Vernunft. Literatur und Zensur? Das ging. Das ging durch. Das ging gut.
Bodensteins Kunst, das war nicht Schwer-, sondern Leichtmut. Im Gedächtnis bleibt das souveräne Bild einer selbstbewusst strahlenden Frühe. Toll das Treuliche, frivol das Tugendhafte. Eine Souveränin in den Blendzonen der Begehrlichkeit. Von Kurt Maetzig[2] entdeckt, dann Spiel bei Slatan Dudow (»Der Hauptmann von Köln«), dann bei ihrem zeitweiligen Ehemann Konrad Wolf[3] (»Der kleine Prinz«) und zahlreiche weitere Filme wie »Maibowle«, »Silvesterpunsch«, »Der Kinnhaken«, »Lots Weib«, »Wie füttert man einen Esel«, »Wenn du groß wirst, lieber Adam«. Sie hat, wo sie untertourt spielte, eine Sehnsucht nach Überdrehtheit sichtbar werden lassen; und Geradlinigkeit behielt stets einen Anhauch der Wahrheit: Wer lächelt, verbirgt auch Schmerz.
Ein Alterswerk ist der Schauspielerin, die später Chansons sang und Regie in der Kleinkunst führte, nicht vergönnt gewesen. Das Werk davor aber gehört zum Filmgedächtnis des Ostens. Nun ist Christel Bodenstein mit 86 Jahren gestorben.