nd-aktuell.de / 19.12.2024 / Politik / Seite 1

Tödliche Schüsse in Göttingen

Polizist erschießt 35-Jährigen. Das Opfer soll psychisch krank gewesen sein. Kein Einzelfall

Reimar Paul
Laut einer Auswertung der Zeitschrift »Bürgerrechte & Polizei/Cilip« handelt es sich bei dem 35-jährigen Göttinger um den 21. Toten durch Polizeischüsse dieses Jahr.
Laut einer Auswertung der Zeitschrift »Bürgerrechte & Polizei/Cilip« handelt es sich bei dem 35-jährigen Göttinger um den 21. Toten durch Polizeischüsse dieses Jahr.

Die Szenerie erinnert an einen Fernseh-»Tatort«: Scheinwerfer des Technischen Hilfswerks leuchten in der Nacht zum Donnerstag den Adolf-Delp-Weg im Göttinger Ortsteil Geismar aus. Ein Teil der Straße ist mit rot-weißem Flatterband abgesperrt. Polizist*innen in weißen Schutzanzeigen wuseln hin und her, vermessen Spuren, machen Fotos.

Ein paar Stunden zuvor, gegen 17.30 Uhr am Mittwochnachmittag, gab es hier einen tödlichen Polizeieinsatz: Mit einem oder mehreren Schüssen aus seiner Dienstwaffe[1] verletzte ein Beamter einen Mann so schwer, dass der 35-Jährige wenig später im Krankenhaus starb.

Laut einer Auswertung der Zeitschrift »Bürgerrechte & Polizei/Cilip« handelt es sich um den 21. Toten durch Polizeischüsse dieses Jahr. Das ist demnach der höchste Stand seit 1983[2].

Der möglicherweise psychisch kranke[3] Göttinger habe die Beamten unvermittelt mit einem Messer angegriffen und dabei einen von ihnen im Bereich des Oberkörpers verletzt, teilt Polizeisprecherin Jasmin Kaatz gegen 21.30 Uhr mit. »Der Polizist gab daraufhin einen Schuss aus seiner Dienstwaffe ab.«

Grund für den Einsatz: Der Mann soll eine Frau grundlos geschubst haben. Opfer und Täter kannten sich nach ersten Informationen nicht. Von ihrer Wohnung aus alarmierte die Göttingerin die Polizei. »Als die erste Funkstreife vor Ort eintraf, um den Sachverhalt aufzunehmen, kam es zu dem Angriff«, so Kaatz.

Fraglich ist, ob der Beamte wirklich nur einmal geschossen hat. »Ich habe dreimal hintereinander Knallen gehört«, sagt eine Augenzeugin. »Ich dachte zuerst, es wären Böller.« Eine andere Zeugin stärkt die Darstellung der Polizei mit Blick auf mögliche psychische Probleme des Getöteten. Sie habe einen Mann bemerkt, »der sich etwas merkwürdig benommen hat«, schildert die Frau ihre Beobachtung kurz vor dem Polizeieinsatz.

»Ich weiß nicht, ob er mit sich selbst geredet hat, aber er hat auf jeden Fall geredet. Irgendwas gefaselt, ich habe nicht verstanden, was. Und er hat sich selber im Kreis gedreht und hat auch Runden um die Bäume gedreht und dabei auch einen Arm merkwürdig gerade von sich weggestreckt«, fährt die Frau fort. »Ich fand ihn sehr suspekt, aber habe ihn nicht weiter beachtet, weil ich dachte, er ist bestimmt betrunken oder hat irgendwas anderes genommen.«

Am Donnerstagmorgen deuten im Adolf-Delp-Weg nur noch zwei Kreidemarkierungen auf den tödlichen Polizeieinsatz und die nächtlichen Ermittlungen hin. An der Haltestelle warten Anwohner auf den Bus in die Innenstadt oder hasten in einen der beiden benachbarten Supermärkte. Die weiteren Ermittlungen hat vorerst die Polizei im benachbarten Northeim übernommen. Aus Neutralitätsgründen, wie es heißt.

Links:

  1. https://www.nd-aktuell.de/artikel/1187611.toetung-von-mouhamed-drame-ein-wenig-menschlichkeit-haette-schon-geholfen.html
  2. https://polizeischuesse.cilip.de/
  3. https://www.nd-aktuell.de/artikel/1186647.neue-fallstudie-tod-durch-polizeigewalt-hunderte-faelle-in-ganz-europa.html