»Sehr gut, Anne, beim nächsten Mal nur noch abstoßen, dann ist die Wende perfekt!« Ich tauche auf und schaue mich um, ich habe es keine drei Meter vom Startblock weggeschafft.
Ich strahle meinen lächelnden Trainer an. Ich weiß – und alle haben gesehen – , dass mir die Wende wieder nicht so gut gelungen ist. Ich habe alle Bestandteile, die wir einzeln geübt haben, ausgeführt. Anschwimmen, mit beiden Händen den Rand fassen, hochziehen. Arme angewinkelt, Knie vor der Brust. Linker Arm schießt ins Wasser, Oberkörper und Kopf drehen unter Wasser mit, rechter Arm schlägt über dem Kopf ins Wasser, abstoßen nach vollendeter Drehung, fünf Meter weit tauchen. Vor Aufregung habe ich diesmal das Abstoßen vergessen und bin schief hochgetrudelt, dafür gelangen die Drehung und der Armschwung besser als zuvor.
Wir hängen in einer Reihe am Beckenrand der Fensterseite und probieren nacheinander die Wende am Startblock der äußersten Bahn. Diese ist in der Schwimmhalle am Anton-Saefkow[1]-Platz in Berlin Lichtenberg jeden Freitagmittag für unseren Volkshochschulkurs reserviert. Wenn nicht viel los ist, dürfen wir auch eine zweite 25-Meter-Bahn nutzen. Wir sind etwa zu acht, die meisten von uns Frauen mittleren Alters. Christian Binner[2] ist unser Trainer. Der stellvertretende Requisitenmeister des Maxim-Gorki-Theaters gibt in seiner Freizeit generationsübergreifend Schwimmunterricht und freut sich, wenn seine Schützlinge ihn überholen. Als wir die Wellenbewegung des Delfinschwimmens üben, erzählt er lachend, wie seine Jugendlichen oft mit dem perfekten Drive unter ihm durchschwimmen und ihn necken. Es könnte schwierig werden, Delfin zu lernen. »Die Bewegung kommt nämlich von hier!« Er klopft sich ans Brustbein. »Das muss man im Kindesalter lernen!«
Das Lernen an sich ist wichtigster Faktor seiner VHS-Kurse[3], die von Kraulschwimmen aller Stufen bis zur Verbesserung der allgemeinen Schwimmtechnik reichen. Wir beginnen den anderthalbstündigen Kurs mit ungewohnten Aufwärmübungen – die Arme gegenläufig wie Mühlenflügel rotieren lassen. Im Wasser sollen wir eine Bahn mit den Armen brustschwimmen und mit den Beinen kraulen. Zurück schwimmen wir auf dem Rücken, Arme Gleichschlag, Beine Brust. Jede so gut, wie sie kann. Die Jüngeren schwimmen zwischen den Übungen vier Bahnen frei, die Älteren nur zwei.
Wir dürfen uns wünschen, was wir üben – Wende mit Drehung oder Rolle, Delfin, Kraul- oder Rettungsschwimmen? Wir haben viel Spaß dabei. Christian folgt uns konzentriert am Rand. Wenn er sieht, dass eine von uns verträumt die Beckenkante ansteuert, rennt er los, ein Anstoßen zu verhindern.
Am letzten Tag unserer zehn Doppelstunden schwimmen wir paarweise, eine hält sich an den Füßen der anderen fest und schwimmt Beine-Kraul, die vordere Arme-Brust. Das ist lustig und wird noch schöner, wenn unser Trainer sich freut. Ein Lehrer, der stets ermutigt, ist das Beste, was einem passieren kann. Gut gelaunt lässt Christian uns schließlich einander retten, ich schleppe prustend unseren einzigen Mann ab.
Als wir uns verabschieden, sehnen wir uns nach dem nächsten Kursbeginn. Adieu bis Mitte Februar!