Mit welchem Ziel gehen Sie mit Ihrem Team in die 73. Vierschanzentournee?
Wir wollen die Tournee natürlich knacken – nach so langer Zeit sollte endlich mal wieder ein Deutscher ganz oben stehen. Natürlich ist das eine Herausforderung, aber wir haben die Chance und die Möglichkeit, das zu schaffen. Ich sehe mit Pius Paschke und Andi Wellinger zumindest zwei Sportler, die das Ding gewinnen können, und vielleicht kommt der Karl Geiger oder noch ein Skispringer aus unseren Reihen dazu. Es wäre natürlich die Luxusvariante, wenn wir drei Sportler hätten, die sich den Rucksack der Erwartungen teilen können. Die Erwartungen in Deutschland sind hoch, da hilft das. Wir waren ja schon oft nah dran, aber bisher ist immer irgendwer gekommen und einen Tick besser gesprungen. Allein Kobayashi zweimal.
Glauben Sie, dass Ihr Gesamtweltcup-Spitzenreiter Pius Paschke dem Druck als Mitfavorit bei der Tournee gewachsen ist?
Letztes Jahr ist das mit dem Sieg kurz vor der Tournee überraschend gekommen. Da war er noch nicht ganz bereit für die große Aufgabe. In diesem Winter steht er komplett anders da. Er ist mental brutal stark und von sich überzeugt. Das beweist auch seine Stärke in den Final-Durchgängen. Er weiß jetzt, dass er zu den besten Skispringern der Welt gehört. Beim letzten Weltcup in Engelberg war er gesundheitlich angeschlagen und wollte es erzwingen. Das funktioniert nicht. Ich habe ihm gesagt, dass er auch mal Fünfter werden kann, er muss nicht immer siegen.
Mit 33 erster Weltcupsieg, mit 34 Tournee-Mitfavorit. Wie erklären Sie sich den späten Aufstieg von Pius Paschke?
Im Skispringen ist so etwas wie bei Pius in dem Alter sehr selten passiert. Es gab Sportler, die es mit 26 schaffen, aber so spät? Der Vorteil: Pius ist nicht verbraucht, er hat auf dem ewig langen Weg nach oben viele Erfahrungen gesammelt, die er jetzt nutzen kann. Es ist ein Arbeitssieg. Er hat nie aufgegeben und immer an sich geglaubt. Man darf ja nicht vergessen, dass er schon beim WM-Titelgewinn im Team 2021 eine wahnsinnig wichtige Rolle gespielt hat.
Was zeichnet ihn neben seinem Fleiß und seiner Mentalität noch aus?
Pius ist ein harter Arbeiter, aber hat auch ein großes Talent. Er ist multisportiv – ob beim Jonglieren oder auf der Slackline. Im Skispringen hat er halt länger gebraucht, dieses Talent auszuschöpfen. Pius ist extrem zurückhaltend und bodenständig. Aber auch extrem smart – er weiß genau, wo er hinwill.
Andreas Wellinger war im Vorwinter Zweiter bei der Vierschanzentournee. Ist er diesmal eine Art Geheimfavorit?
Die Ausgangsposition für ihn vor der Tournee ist wirklich gut. Er ist noch nicht durchgängig auf höchstem Niveau gesprungen, aber trotzdem schon vorn dabei. Er hat ja schon einen Sieg gefeiert und kann sich in Ruhe hinarbeiten mit dem Schneepflug Pius vor ihm. Das hilft auch einem Andi Wellinger. Er hat sich für die Tournee schon was vorgenommen, nachdem er im letzten Winter Zweiter geworden ist. Das hat an ihm genagt. Er ist ein sehr ehrgeiziger Sportler, hat alles genau analysiert und ein ganz klares Ziel.
Und ihr dritter Hoffnungsträger Karl Geiger?
Nach dem Verlauf der letzten Saison ist es für Karl wichtig, wieder unter den Top 10 dabei zu sein. Aber wer Karl kennt, weiß, dass er mit Platz 10 nicht zufrieden ist. Er hat den Anschluss an die Weltspitze wiederhergestellt, jetzt muss man schauen, dass er genau so weiterarbeitet. Er liebt das Tournee-Auftaktspringen in seiner Heimat Oberstdorf, vielleicht kann ihm ein starker Auftritt dort den letzten Push nach oben geben.
Ist die Tournee in diesem Winter wichtiger als der zweite Saisonhöhepunkt, die Nordische Ski-WM in Trondheim?
Die Tournee ist immer ein Highlight, das steht fast über der WM. Das ist eine Wahnsinnsveranstaltung, auch für Fans und Medien die größte Challenge, die es im Skispringen gibt. Es wäre wichtig für Skisprung-Deutschland, da endlich wieder mal ganz oben zu stehen. Wir wünschen uns das aber nicht nur und setzen auf das Prinzip Hoffnung, sondern wir arbeiten hart daran. Ewig kann es nicht verhindert werden. Deshalb geben wir auch diesmal bis zum letzten Sprung nicht auf.