Was für ein Jahr! Das Beste zuerst: Deutschland wird von der Nazi-Herrschaft befreit. Der Zweite Weltkrieg ist beendet – zunächst, im Frühjahr 1945, in Europa, im Herbst dann auch im Pazifik. Das alles ist hundertfach beschrieben, aber wird nun noch einmal dargeboten in O-Tönen von Zeitgenossen. Der 1961 geborene Dramaturg und Dokumentarfilmer Volker Heise hat sie gesammelt und mit sparsamen Kommentaren versehen. Entstanden ist eine Montage von etwa 1500 Zeugnissen, chronologisch nach Monaten und Tagen in schneller Schnittfolge geordnet, Fundstücke aus Tagebüchern, Briefen, Büchern, Zeitungen.
Frauen und Männer, Militärs aller Ränge, Freund und Feind, Zivilisten, Verfolgte und Verfolger kommen zu Wort. Selten teilen sie etwas Erfreuliches mit, meist ist von Tod und Zerstörung die Rede, von Verlusten, Kälte und Hunger, auf Seiten der Sieger auch von Hass oder Genugtuung, Stolz und Freude über den endlichen Frieden. Hautnah zu erleben sind die Empfindungen, Enttäuschungen oder die Euphorie der Menschen vor nunmehr 80 Jahren. Eine Wahrheitserzählung des Jahres 1945 von literarischem Rang, unabhängig von der Qualität der zitierten Stellen.
Manch der O-Töne stammen aus Büchern ausgewiesener Autoren wie des sowjetischen Schriftstellers Wassili Semjonowitsch Grossman oder von dessen deutschem Zunftkollegen Erich Kästner, andere von Journalistinnen wie Ruth-Andreas Friedrich, die durch eine tragische Verwechselung ihren Lebensgefährten Leo Borchard verlor, den ersten Nachkriegsdirigenten der Berliner Philharmoniker. Daneben stehen Zeugnisse von alliierten Generälen wie des britischen Oberbefehlshabers Bernard Law Montgomery oder des sowjetischen Marschalls Georgi Konstantinowitsch Schukow, die sich darüber streiten konnten, wer die entscheidende Kriegswende herbeigeführt habe, der eine im ägyptischen El Alamein oder der andere in Stalingrad. Auf der Potsdamer Konferenz Ende Juli/Anfang August 1945 begegnen sie sich. Auch 17-jährige Flakhelfer kommen zu Wort.
Berichte von der Befreiung der Konzentrationslager offenbaren die mörderische Dimension der Nazi-Herrschaft. In Bergen-Belsen verurteilte ein britisches Militärgericht 13 Täter zum Tod durch Erhängen. Der aus England eingeflogene Henker beschreibt, wie er bei der Reihenfolge der Hinrichtungen Rücksicht auf die auf ihren Tod wartenden weiblichen Verurteilten nahm, bevor er den Delinquenten den Strick um den Hals legte. Die Frau des Lagerkommandanten zeichnet von ihrem Mann, einem Massenmörder, ein positives Bild. Über den Nürnberger Kriegsverbrecherprozess berichten unter anderem Stefan Heym, Erika Mann und der US-amerikanische Schriftsteller John Dos Passos.
Fritz Ernst Oppenheimer, Oberstleutnant der US-Armee in Flensburg, wird vom ehemaligen Oberkommandierenden der Wehrmacht Wilhelm Keitel gefragt, warum er akzentfrei Deutsch sprechen könne. Der deutsch-jüdische Emigrant erinnert sich: »Ich war versucht, ihm unter die Nase zu reiben, dass ich in Berlin geboren wurde, an seiner Seite in der preußischen Feldartillerie von 1915 bis 1918 gekämpft habe, in Verdun … mehrfach verwundet und mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde.« Oppenheimer beschränkte sich jedoch auf die lakonische Antwort: »Die amerikanischen Schulen sind ausgezeichnet.« Eine Schülerin aus Hiroshima, Opfer des sinnlosen, verbrecherischen US-Atombombenabwurfs am 6. August 1945, wird zitiert, ebenso der deutsche Wissenschaftler und Pazifist Otto Hahn, dem im selben Jahr nachträglich der Nobelpreis in Physik für die erste Kernspaltung zugesprochen wurde. Erinnert wird auch an das Leid von in den letzten Kriegstagen und ersten Friedenswochen vergewaltigten Frauen, an grassierende Geschlechtskrankheiten, den Mangel an Medikamenten, Nahrung und Brennmaterial, nicht nur, aber vor allem in Großstädten wie Berlin. Es geht auch noch nach dem Kriegsende um Leben oder Tod.
Volker Heise: 1945. Rowohlt, 464 S., geb., 26 €.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1187908.kriegsende-die-massenmoerder-und-ihre-opfer.html