Für die Ukraine begann das neue Jahr mit einem vermeintlichen Sieg gegen Moskau. »Wir haben den Transit von russischem Gas blockiert, das ist ein historisches Ereignis«, verkündete Energieminister Herman Haluschtschenko. Russland verliere dadurch Märkte und erleide finanzielle Verluste, so der Jubeltenor der ukrainischen Führung. Doch die Freude könnte verfrüht sein.
Moskau wird in Zukunft mit weniger Petrodollar aus dem Westen auskommen müssen, das ist ein Fakt. Wirklich abgekoppelt hat sich Europa trotz großspuriger Ankündigungen aber nicht. Russisches Gas fließt weiter durch andere Pipelines wir Turkstream und füllt als LNG unsere Vorratsspeicher. Nie zuvor wurde in Europa so viel russisches Flüssiggas eingekauft, wie 2024. 16,5 Millionen Tonnen waren es. Und wenn die Europäer russisches Gas nicht haben wollen, greifen China und Indien zu, wenn auch zu Preisen, die für Moskau eigentlich zu niedrig sind.
Der Transitstopp trifft mit der Slowakei und Ungarn zwei unsichere Kantonisten in der Europäischen Union am härtesten. Dass sich die Verwerfungen der beiden Länder mit Brüssel verschärfen werden, nimmt die Ukraine in Kauf. Auch, dass die Preise für europäische Verbraucher steigen könnten und dadurch neue Unruhe entsteht. Ein Szenario, das auch in der Ukraine denkbar ist. Schließlich konnte man bisher mit dem Transitgas die Preise im eigenen Land halbwegs niedrig halten.
Kiew wird sich auch fragen müssen, ob man nicht die eigene wirtschaftliche Zukunft aufs Spiel setzt. Nicht umsonst haben Brüssel und Moskau trotz Krieg am Dreiecksgashandel durch die Ukraine festgehalten, profitierten doch alle davon. Schon mit Kriegsbeginn hat die Ukraine einen Großteil ihrer wirtschaftlichen Brückenfunktion zwischen West und Ost eingebüßt. Nun könnten auch die letzten Pfeiler einstürzen.