nd-aktuell.de / 02.01.2025 / Kultur / Seite 1

Mehr braucht man nicht

Das letzte Album von Rolf Kühn, dem Wanderer zwischen Stilen und Stimmungen des Jazz

Luca Glenzer
Alles, was man braucht: etwas Zeit, eine Tasse Kaffee und eine Klarinette. Rolf Kühn 2019 in einem Cafe in Berlin-Charlottenburg.
Alles, was man braucht: etwas Zeit, eine Tasse Kaffee und eine Klarinette. Rolf Kühn 2019 in einem Cafe in Berlin-Charlottenburg.

Im Sommer 2022 verstarb mit Rolf Kühn der erste und einzige deutsche Jazzklarinettist von Weltformat. 1929 in Köln geboren, erfuhr er seine musikalische Sozialisation im Leipzig der 30er und 40er Jahre. Doch der real existierende Sozialismus war insbesondere in den frühen Jahren kein leichtes Pflaster für Jazzmusiker*innen – stellvertretend für den Zeitgeist in der damaligen SED-Führungsriege hatte Walter Ulbricht den Jazz zur »Affenkultur des Imperialismus« erklärt. In diesem feindlichen Klima verließ Kühn 1956 Stadt und Staat und lebte fortan in den USA, wo er unter anderem mit Benny Goodman, Tommy Dorsey und Chet Baker[1] zusammenspielte. Später zog es ihn in den Westen Deutschlands.

Kühns Œuvre ist von einer bemerkenswerten Vielgestaltigkeit geprägt: In den frühen Jahren vom Geist des Swing erfasst, wandte er sich später Bebop, Free Jazz und Fusion sowie schließlich auch transkulturellen Sounds zu. Zugleich produzierte er Titelmusiken für Film und Fernsehen. 2023 wurde er posthum gemeinsam mit seinem Bruder, dem Jazzpianisten Joachim Kühn[2], mit dem Deutschen Jazzpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Warum er ihn verdient hat, das unterstreicht einmal mehr das vorliegende Album »Fearless«, das er kurz vor seinem Tod noch eingespielt hat und das erst jetzt veröffentlicht wurde.

Die darauf enthaltenen zehn Songs vereinen alles, wofür Rolf Kühns Klarinettenspiel Zeit seines Lebens stand: der klare, warme Ton, seine unnachahmliche Ausdruckskraft und seine leichtfüßige Bewegung zwischen Struktur und Spontanität, Komposition und Improvisation. Einmal mehr erweist er sich zudem als Wanderer zwischen verschiedenen Stilistiken und Stimmungen: Das Eröffnungsstück »Alpha 47« ist mit seiner Stakkato-Melodie von einer ruhelosen Atmosphäre geprägt, während das darauffolgende »Fun for Kids« das groovige Potenzial seiner exzellenten Band unterstreicht. In anderen Stücken wie »A Lost Story«, »The Summer Knows« oder dem fantastischen Clapton-Cover »Tears in Heaven« zeigt er sich von seiner sehnsuchtsvollen, mitunter schwermütigen Seite.

Ein besonderes Highlight ist zudem die ausgekoppelte Single »Somewhere«, die Leonard Bernstein[3] einst für das berühmte Musical »West Side Story« komponierte und die nun in der hier vorliegenden Version in neuem Glanz erstrahlt. Die schmachtende Gesangsmelodie wird in der rein instrumental gehaltenen Interpretation von Kühns Klarinette übernommen und vereint dabei in gerade einmal dreieinhalb Minuten die Schönheit und Traurigkeit der ganzen Welt in einem.

Auf Youtube findet man ein dazugehöriges Video des Songs, in dem der betagte Kühn, einsam im Aufnahmeraum sitzend, merklich selig seine Tonspur einspielt – ein geradezu rührender Anblick. Schaut man genau hin, beschleicht einen das Gefühl: Mehr als das brauchte er nicht. Ein bisschen Ruhe, Zeit und eine Klarinette. Das Leben kann so einfach sein.

Rolf Kühn: »Fearless« (‎Musik Produktion Schwarzwald/Edel)

Links:

  1. https://www.nd-aktuell.de/artikel/1053620.der-mann-mit-der-trompete-und-dem-heroin.html?sstr=chet|baker
  2. https://www.nd-aktuell.de/artikel/1128135.berliner-jazzfest-achtung-klangskulpturen-greifen-an.html?sstr=joachim|kühn
  3. https://www.nd-aktuell.de/artikel/1178800.tv-best-and-worst-of-die-tv-bilanz-perfektion-und-niedertracht.html?sstr=maestro|bernstein