nd-aktuell.de / 31.01.2025 / Kultur / Seite 1

Qual der Wahl

Wie kann eine russisch-stämmige Deutsche im fernen Texas die AfD verhindern?

Jana Talke
Vor wem soll man mehr Angst haben? Vor dem aufgeplusterten Grizzlybären hoch zu Ross im Fernen Osten? Oder einer hier aus deutscher Scham nicht gezeigten deutschen Kanzlerkandidatin?
Vor wem soll man mehr Angst haben? Vor dem aufgeplusterten Grizzlybären hoch zu Ross im Fernen Osten? Oder einer hier aus deutscher Scham nicht gezeigten deutschen Kanzlerkandidatin?

Howdy aus Texas, liebe Lesende,
wen wählen Sie eigentlich bei dieser Bundestagswahl? Ach, ich vergesse immer, dass man in Deutschland nicht über so was spricht. Doch ich rede liebend gern über Wahlen und Kandidaten, denn ich habe multinationales Wahlwissen.

Nehmen wir mein Geburtsland Russland zum Beispiel. Ich habe zwar nie bewusst an russischen Präsidentschaftswahlen teilgenommen, zumindest nicht freiwillig. Aber Ende 2011, längst in Deutschland lebend, gaben meine Eltern und ich unsere Reisepässe am russischen Konsulat zur Erneuerung ab und erhielten sie viele Monate lang nicht zurück, was unüblich ist. Als wir sie im Frühling 2012 ohne Begründung oder Entschuldigung zurückbekamen, machte meine Mutter eine Beobachtung, die nur von jemandem stammen kann, der in einem korrupten Unrechtsstaat aufgewachsen ist: »Ach, die haben sie doch einbehalten, um damit zu wählen.«

Ich, vom Westen verweichlicht, schaute ungläubig, dann fielen mir aber die bösartigen Konsulat-Mitarbeiter*innen ein, die mich jedes Mal, wenn ich da war, mit ihrem Verhalten schockten. Mal schrien sie eine Frau so laut zusammen, dass sie bitterlich weinte, mal bestellten sie sich Klamotten vom Designer-Outlet »Best Secret« direkt ins Office. Emotionaler Missbrauch und ungenierte Handlungen am Arbeitsplatz? Die These von der Wahlmanipulation erschien mir immer glaubwürdiger.

Unabhängig davon, ob russische Konsulate im Ausland Wahlbetrug betreiben – im Land selbst ist dieser natürlich Programm und auch der Grund, weshalb meine Familie sonst nicht auf die Idee kam, an russischen Wahlen teilzunehmen.

Eine positive Wahlerinnerung habe ich trotzdem: an das Jahr 1991, in dem Jelzin erster Präsident der Russischen Föderation wurde. Ich war erst fünf, aber es hing ein bis dahin unbekannter Geruch von Freiheit und Veränderung in der Luft, zumindest sagten die Erwachsenen das. Letztendlich wurde auch nur ein alkoholkranker Tanzbär gewählt, der sich acht Jahre lang erst mehr, dann vermehrt weniger wacker hielt. Daraufhin gab er seinen Posten (mehr oder minder freiwillig) an einen durch falsch platzierte Injektionen sehr aufgeplusterten Grizzlybär ab, welcher sich nun, abgesehen von einer kleinen vierjährigen Pause, die vom winzigen Medwezhonok (russ. »Bärchen«) überbrückt wurde, seit über 20 Jahren an Russlands Spitze hält. Nun schwebt ein Geruch von Furcht und Zerstörung über Russland, weshalb ich vor zwei Jahren meinen russischen Pass abgegeben habe. Sonst würde ich, ein Angsthase, es nicht wagen, Ihnen mit solcher Offenheit von meinem Geburtsland zu berichten: Ich hätte Angst, dass die stylish-bösen Konsulat-Tussis mich beim nächsten Termin vergiften!

Achteinhalb Jahre bin ich nun in meiner Wahlheimat USA, die sich allmählich wie meine ursprüngliche Heimat anzufühlen beginnt. Der neue alte Präsident droht damit, die Verfassung ändern zu lassen, um seine Regierungszeit zu verlängern, beschimpft Journalisten als Volksfeinde, scharrt Oligarchen um sich. Lauren Sánchez, die Verlobte von Jeff Bezos, hat sich zur Inauguration schon mal sehr russisch angezogen, ihr fehlt nur noch die dazugehörige Dreistigkeit. Die besitzen andere: Konservative Amerikaner wollen uns tatsächlich weismachen, dass Elon Musk bei der Inauguration einen sogenannten römischen Gruß statt eines deutschen (des mit dem »Heil«) darbot. Das ist Gaslighting vom Feinsten, und nein – der sich jetzt aufdrängende Witz wäre selbst mir zu billig.

Nun aber zu dem einzigen Land, dessen Pass ich besitze, das ich mein wahres Zuhause nenne und in dem Sie diese Kolumne lesen: Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich offiziell Kartoffel. Im Unterschied zu meiner Russland-Story habe ich bei der letzten Bundestagswahl unbedingt wählen wollen, aber nicht können: Meine Briefwahlunterlagen kamen in Texas zu spät an! Nun wurde die Briefwahlzeit auch noch von sechs auf zwei Wochen reduziert, und die Gefahr, dass meine Stimme wieder nicht zählen wird, ist noch größer geworden. Und das, wo ich doch die AfD aufhalten muss! Sie wollen wissen, wen ich wählen will? Ich dachte, wir reden nicht drüber.