nd-aktuell.de / 16.02.2025 / Wirtschaft und Umwelt / Seite 1

Deutsche Börse steht nach Börsenhype vor Umbruch

Während der Dax von Rekord zu Rekord springt, laufen die Geschäfte des Betreibers Deutsche Börse blendend

Hermannus Pfeiffer
Die Frankfurter Börsengeschäfte liefen 2024 prickelnd. So wird es wohl weitergehen.
Die Frankfurter Börsengeschäfte liefen 2024 prickelnd. So wird es wohl weitergehen.

Die Deutsche Börse startete mit einem Rekordergebnis ins neue Jahr. Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen kletterte 2024 im Vergleich zum Vorjahr um 15 Prozent auf rund 3,4 Milliarden Euro, teilte das Unternehmen am Mittwoch mit. Von einem »starken organischen Wachstum« sprach Vorstandsvorsitzender Stephan Leithner auf der Bilanzpressekonferenz in Frankfurt/Main. Die Deutsche Börse verdiente im vergangenen Jahr so viel wie noch nie – Aktionäre dürfen sich auf eine Rekorddividende freuen.

Dennoch steht Deutschlands größter Börsenbetreiber vor einer »historischen Weichenstellung«, schreibt der Finanz-Infodienst »Wallstreet Online«. Der Vorstand plane einen zweiten Dax. Der Deutsche Aktienindex, kurz Dax, spiegelt die Kursentwicklung der wichtigsten in der Bundesrepublik ansässigen Aktiengesellschaften wider, von Adidas bis Zalando. Zugleich ist er das wichtigste Produkt der Börse und dient Banken, Versicherungen und selbst Kleinanlegern als Maßstab für ihre Geldanlage. Außerdem legen Fondsgesellschaften und Vermögensverwalter wie Blackrock oder DWS Abermilliarden Euro und Dollar in Finanzprodukten an, die den Dax nachbilden. 

Doch der Index ist mittlerweile zu klein, jedenfalls für SAP. Der Börsenwert des Software-Riesen mit Sitz in Walldorf (Rhein-Neckar-Kreis) betrug bei Redaktionsschluss über 340 Milliarden Euro – ein Wert, der mehr als 20 Prozent der gesamten Marktkapitalisierung aller 40 Dax-Unternehmen ausmacht. Derzeit liegt die »Gewichtungsobergrenze« für ein einzelnes Unternehmen im Dax aber bei 15 Prozent. Überschreitet eine Aktiengesellschaft diese Schwelle, wird der Überhang aus dem Dax gelöscht. Beispielsweise britische Investmentfonds, die den Index nachbilden, müssen diese Aktien dann verkaufen, um die Balance zu halten. 

Der Börsenwert des Software-Riesen SAP betrug bei Redaktionsschluss über 340 Milliarden Euro.

Aus Sicht von SAP-Chef Christian Klein kann dies den Aktienkurs belasten. Vor einigen Jahren hatte sich aus diesem Grund der damals schwerste Dax-Wert, der Gase-Hersteller Linde, vom deutschen Aktienmarkt zurückgezogen, um sich auf seine US-Notierung in New York zu konzentrieren. Um zukünftigen Ausverkauf zu verhindern, will Börsenboss Leitner nun einen zweiten Dax-Index ohne Kappung von Einzelwerten einführen. Dies könnte den deutschen Aktienmarkt »revolutionieren«, erwartet das »Manager-Magazin«, mit positiven Auswirkungen für Schwergewichte wie SAP, aber auch mit neuen Risiken für kleinere Werte. 

Der deutsche Leitindex Dax erzielte am Mittwoch einen neuen Höchstwert. [1]Er repräsentiert rund 80 Prozent des Kurswertes (»Marktkapitalisierung«) börsennotierter Aktiengesellschaften in Deutschland und etwa 90 Prozent der in deutschen Aktien getätigten Börsenumsätze. Dabei ist es der Deutschen Börse AG grundsätzlich egal, ob Kurse steigen oder fallen. Sie verdient ihr Geld letztlich immer, wenn Aktien ge- oder verkauft werden. An jeder Transaktion verdient sie mit. Die Börse profitiert also vor allem von unruhigen Zeiten, weil dann Banken, Investmentfonds und Privatanleger besonders aktiv sind. 

Im internationalen Aktienhandel ist die selbst im Dax notierte Deutsche Börse indes eher ein Leichtgewicht. Doch die Gruppe »ist mehr als nur eine Börse«, sagte Vorstandsvorsitzender Leitner. Er sieht sein Unternehmen als globalen »Infrastrukturanbieter«, der zwischen Angebot und Nachfrage nach Kapital vermittelt. Das können »Derivate« sein, andere Wertpapiere, Rohstoffe, Devisen oder Kryptowährungen. Digital sei man Technologieführer. Allein ein Drittel der über 15 000 Lohnabhängigen weltweit – davon 4000 in der Bundesrepublik – beschäftigt sich mit Informationstechnik.

Der Deutschen Börse geht es darum, mehr privates Kapital für Europa zu mobilisieren. Dazu müssten auch EU-Regeln gelockert werden. »Derzeit werden in der EU über 33 Billionen Euro an Ersparnissen größtenteils in Form von Bargeld und Einlagen gehalten – eine riesige ungenutzte Ressource«, meint Leitner. Es brauche endlich einen eigenen »Liquiditätspool«, der Europa unabhängiger von US-amerikanischem Geld macht.  [2]

Links:

  1. https://www.nd-aktuell.de/artikel/1187884.boersen-die-grosse-abkopplung.html?sstr=Börse
  2. https://www.nd-aktuell.de/artikel/1188809.finanzindustrie-us-banken-haengen-europaeer-ab.html