April 2019. Wir haben keine Karte. Weder im Handschuhfach des Mietwagens noch auf dem Handy. Google Maps funktioniert nicht, alles bleibt weiß. Mein Lebenskumpan und ich folgen vom Flughafen Skopje aus den Straßenschildern nach Pristina, überqueren die Landesgrenze und erreichen Kosovos Hauptstadt in der Nacht.
Unser Hotel heißt »Europa« und hat ein Schwimmbad im Bauch. Versprach die Webseite, als ich in Berlin reservierte und die Lage des Hotels studierte. Jetzt stranden wir im schlimmsten Kreisverkehr unseres Lebens, umzingelt von hupenden und aneinander schrammenden Karossen. Mein Freund schreit: Wohin? Ich kreische bloß. Zwei Runden später blinkt der Stadtplan vor meinem inneren Auge auf, ich lese ab: Rechts! An der Kirche vorbei links! Wieder links, noch 50 Meter, Stopp!
Wie durch ein Wunder stehen wir staubig, aber heile vor unserem Hotel. Drin: Licht auf halbmast, Fahrstuhl kaputt und der Pool in »Renoväjschen«. Erschöpft schlurfen wir in den zweiten Stock, wo sich das Fenster unseres Zimmerchens auf eine Brandmauer öffnet. Ich könnte heulen. Am nächsten Morgen tauschen wir und haben Aussicht. Die Altstadt klemmt zwischen Hochhäusern und Kirche. Bibliothek und Sportpalast sind futuristische Gebäude, am »GRAND HOTEL« fehlen drei Buchstaben. Im Kosovo finden wir weder einen Fluss noch ein Schwimmbad, dafür schöne Cafés, urige Olivenbäume, Denkmäler, zutrauliche Katzen, streunende Hunde und Baustellen allerorten: Hochhäuser, Moscheen, Autobahnen.
Ein paar Tage später sind wir in Skopje. Dort sind die Häuser protziger, die Denkmäler größer. Ein Stein- oder Bronzeheld übertrumpft den nächsten[1]. Nur die Basar-Altstadt liegt unberührt an die Burg gekuschelt auf der anderen Flussseite. Von einem Fundament der Steinbrücke springt eine Dame in die braunen Fluten des Vardar – auch sie ist aus Bronze. Ich hoffe wieder. Ausgerüstet mit Badesachen ziehe ich los. Meine Recherche versprach, dass es in der Hauptstadt Nordmazedoniens ein Schwimmbad gäbe. Hier trainierte die erste Olympiateilnehmerin[2] des Kosovo, Rita Zeqiri, mangels eines Bades in ihrer Heimat. Ihr Vater fuhr sie jahrelang zum Training ins zwei Fahrstunden entfernte Skopje, bis er seine Farbenfabrik in ein Trainingsbad[3] umbaute. Dort ist Rita heute Trainerin.
Vom Hotel »Alexandar II« gelange ich vorbei an Mutter-Teresa-Gedenkhaus, Parlament und Triumphbogen zu einem verbauten Ungetüm mit Werbebannern. Auf einem ist ein Schwimmer zu sehen, darüber steht in kyrillischen Buchstaben »Olympisches Bad Zentrum«. An der Verkaufsluke wird mir erklärt, es sei zu spät, man schließe in 40 Minuten. Ich hole tief Luft und starte mein Balkan-Kauderwelsch. Überzeugender ist wohl meine Hartnäckigkeit, ich werde eingelassen und erlebe eine halbe Stunde reines Schwimmglück.
Auf dem Weg zum Flughafen kommt uns ein Auto entgegen, auf unserer Autobahnseite! Der Fahrer entgegnet unserer Lichthupe mit beschwichtigenden Handzeichen – beider Hände. Wir drosseln auf 30 km/h, während er rechts von uns eine Auffahrt nimmt und uns zuwinkt.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1189041.ueber-wasser-gestrandet-im-kreisverkehr-des-lebens.html