Howdy aus Texas, liebe Leser*innen,
obwohl die Vereinigten Staaten von Amerika eventuell ein bisschen unterzugehen drohen (oder zumindest sich zu totalitarisieren scheinen), wird die Welt trotzdem nicht so bald damit aufhören können, sie anzuhimmeln und nachzuahmen. So nutzen Russen, die selbst ernannten Staatsfeinde der Amis, ganz selbstverständlich neumodisch-amerikanische Begriffe wie »Pattern«, »Abuser« oder »Content«. Die Franzosen, weniger US-Feinde, aber doch Vasallen der Académie française, schwadronieren von »Vlogs«, »Bowls« und »Cocooning«[1].
Die Einwohner beider Staaten parlieren mit den englischen Begriffen in so starkem Akzent, dass man zum Teil nicht versteht, welche Sprache sie überhaupt simulieren wollen. Aber sie tun es mit Stolz und Selbstverständlichkeit. Auch essen sie Smash Burger, trinken Matcha Latte (und nein, die kommen in der XL-Form, von Zusätzen und Nussflüssigkeiten ertränkt, sicher nicht aus Japan!) und gehen in Alo-Yoga-Sets zur Cardio-Class.
Und Sie in Deutschland? Nicht nur, dass Sie ständig ins Denglische abdriften, in den Medien, an der Uni oder beim Plausch mit den Nachbarn mit ihrem ineffektiven »Coaching«, ihren »Streetworkern«, die überhaupt nicht »sexworken«, und ihrer zerstrittenen »Wissenschaftscommunity«; nein, sie wollen auch noch Bräuche adaptieren, die überhaupt nicht zu Ihnen passen!
Als ich Deutschland vor beinahe neun Jahren verlassen habe, war auch bei meiner Generation noch gefühlt etwas regionale und religiöse Individualität gegeben mit Polterabenden, Adventskränzen, dem Tanz in den Mai. Wenn ich nun die Social-Media-Seiten von alten Bekannten oder berühmten Ungekannten aufrufe, sehe ich nur noch amerikanisch angehauchte »Baby Partys« aka »Baby Showers« (wer kennt noch das »Babypinkeln«?! Bring it back!), Manifestationsboard-Bastelabende und gar den »Elf on the Shelf« in den deutschen Kaufhaus-Shelves! Obwohl ich hier in dieser Kolumne eindringlich vor diesen Monsterdingern gewarnt habe. Doch mir soll es recht sein, ich habe als Migrantin ohnehin nicht an den »superdeutschen« Sachen teilgenommen, aus dem Unwissen und Atheismus meiner Familie heraus. Aber für Sie tut es mir schon leid, weil all das Copy-Pasten ein bisschen »cringey« ist.
Ich »blame« in erster Linie natürlich die Influencer mit ihren Hauls, Hacks und Highlights; ihrem bekloppten amerikanisierten Lifestyle – morgens halbe Stunde loslaufen zum Matcha-Kauf, Gym, von einer PR-Firma Pakete umpacken, dann Visage konturieren, manifestieren, Meal preparieren.
Auch deutsche Zeitschriften wie die »Cosmopolitan« sind zu denglischen Sprachrohren mutiert mit Überschriften wie: »Iced Chai Latte Nails: Diesen Maniküre-Trend trägt Hollywood jetzt« (Mir doch Latte!). Die deutsche Liebe zu amerikanischen Filmen und Serien[2] könnte ebenso Grund für die fanatische Denglisierung sein. Aber wir lieben doch auch französische Filme, und kaum einer fühlt sich bemüßigt dazu, nach der Arte-Durchsicht nackt rauchend die »Fleurs du Mal« zu lesen und aus dem Fenster zu starren, wie die gallischen Filmfiguren es tun. (Die Franzosen manifestieren noch im Kopf, ohne Brett).
Aber da der Denglisierungsprozess trotz meiner Beschwerden unausweichlich ist, will ich so nett sein und Ihnen ein paar frische amerikanische Begriffe liefern, mit denen Sie auf dem Schulhof, in der Mensa, beim Betriebsausflug oder während der Kaffeerunde (oder Matcha?) im Altersheim punkten können: »Slayen« kennt der eine oder andere vielleicht schon, das heißt eigentlich jemanden erschlagen, aber im heutigen Kontext heftig »Looks serven«, also geil aussehen. »Period«, der Punkt, nicht die Periode, wird nach einer kontroversen oder pointierten Aussage getätigt. Meist hat man mit so einem Ausspruch »gegessen, ohne Krümel dazulassen« (»ate, left no crumbs«).
Die »Diva« ist nicht nur eine slayende Frau, mittlerweile nennt man heiße oder witzige homosexuelle Männer so, meist in Form der Frage: »Who is this diva?« (Oft isst die Diva und leavt keine crumbs). »Tea« wird vergossen aka »gespillt«, sobald Geheimnisse verraten werden – der Tee ist »hot« wenn diese besonders »juicy« sind. Die »Lore« ist eine geheimnisvolle und verquere Backgroundstory, die eine Diva ausmacht. Meine Lore – und jetzt spille ich den Tea – ist, dass ich Deutschland verlassen musste, um deutsche Autorin zu werden. Und was ist Ihre?
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1189071.talke-talks-matcha-chai-tee.html